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Text: Deichkind, Hipster wie du und ich

1997, kurz vor Napster und den damit vermeintlich eingeläuteten Hungerjahren der Musikbranche, gründet sich die Gruppe Deichkind in Bergedorf. Ihre Ursprungskombo besteht aus Malte Pittner, Philipp Grütering und Bartosch “Buddy” Jeznach, die mit ihrer ersten Single Wer bremst das?! zumindest in der lokalen Hiphopszene Aufsehen erregen können. Das Lied selbst postuliert Vorlieben für den Tanzpalast, Opel Monzas und Dolly Busters Busen und skizziert so schon früh, wohin die Reise der Umland-Hamburger gehen soll: aus dem verschlafenen Nest in die abgeranzten Diskotheken der Republik. Wenig später gelingt zusammen mit der Rapperin Nina Tenge der nationale Durchbruch: Bon Voyage.
Was folgt ist nicht immer so “bon” wie gedacht. Zwar landet die Band kommerzielle Achtungserfolge und erfreut sich dank des lyrischen Charmes eines intellektuellen Truckdrivers und der bei Langspielern mit viel Hingabe gepflegten Vorliebe für lokalpatriotisch verkniffene Einspieler zwischen den Liedern hoher Beliebtheit, doch kurz nach einem ambivalenten Auftritt bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest ist für Pittner wegen “privater Streitigkeiten” Schluss. Später kommt er bei Olli Dietrichs Countryband Texas Lightning unter.
Um dem trennungsbedingten Seelenkater entgegen zu wirken, wählt die Band, bei Live-Auftritten verstärkt von Henning “DJ Phono” Besser, das Konterbier und fängt an, die eigenen Bühnenshows in ekstatische Festivals des Schmutz zu verwandeln: Laserblitze, Neonfarben, Plastiksäcke, wabernde Bierbäuche, Sektduschen, Duct Tape, stagedivende Sofas. Es geht einiges. Unterstützt werden sie dabei immer öfter vom ehemaligen Schulfreund und Dauer-Roadie Sebastian “Porky” Dürre sowie Sascha “Ferris MC” Reimann, dessen ergebnisorientierte Aufnahme ins Programm man vorsichtig als halbseidenen Resozialisierungsversuch bezeichnen kann. Das funktioniert deutschlandweit. Außer für Jeznach, vorletztes Mitglied der ersten Stunde, der den Dienst quittiert, um – so heißt es auf der Homepage der Deichkinder – nicht den “Papillon bei der Entfaltung” zu behindern.
Der augenzwinkernde, jugendliche Vorstadtjunge-trifft-auf-Großstadt-Hiphop ist peu a peu einem vermeintlich sinnentleerten Tech-Rap gewichen, der als trashiges Gesamtkunstwerk ungezügelt dem verfeierten Prekariat urbaner Subkultur huldigt. Deichkind ist, glaubt man den jüngsten Verkaufszahlen, auf diesem Weg gesellschaftsfähig geworden – nur eben nicht so, wie es sich Kristina Schröder vorstellt.
Der Grund dafür ist ein feines Gespür für den Zeitgeist. Zwar ist die Band im weitesten Sinne kulturschaffend, jedoch dürfte es keine Probleme bereiten, sie irgendwo innerhalb der drei Definitionen anzusiedeln, die Mark Greif in seiner transatlantischen Diskussion anbietet, um den Hipster, die Vorfront des konsumierenden Mainstream, zu beschreiben. Die Grenze zwischen Produkt und Konsument, zwischen Band und Publikum, verschwimmt ohnedem zusehends, was sich nicht nur in den übergreifenden Liveshows oder der Fluktuation des Personals widerspiegelt. Wer Deichkind sagt, meint schon lange nicht mehr “Malte, Buddy und Philip”, die Band, das Personal, sondern die Partys, das gemeinsame Lebensgefühl, das Phänomen. Für die trendbewusste neue Bohème jedenfalls gehört es zum guten Ton, einen Konzertbesuch in der Vita verzeichnen zu können. Falls es denn eines Lebenslaufes bedarf, denn, so postuliert die Band einvernehmlich mit dem Publikum: Arbeit nervt.
Ebenso einvernehmlich fällt das Urteil bezüglich der GEMA-Sperrungen auf YouTube aus, die heute, nach einer längeren Schaffenspause – nicht zuletzt durch den Tod des Produzenten Sebastian Hackert bedingt – im Speziellen die neuen Videos der Band und im Allgemeinen Deutschlands Musikfans betreffen. Diese konsumieren nach dem schleichenden Niedergang des hiesigen Musikfernsehens zunehmend im Netz, treffen dort jedoch vermehrt auf die Stoppschilder einer anachronistischen alten Bekannten, der GEMA.
Auf Deichkinds Facebook-Fanpage heißt es dazu: “Ob Plattenfirma, YouTube oder GEMA, egal wer dafür verantwortlich ist. Wir wollen, dass unsere Videos zu sehen sind. Regelt euren Scheiß jetzt endlich mal und macht eure Hausaufgaben. Ihr seid Evolutionsbremsen und nervt uns alle gewaltig.” Sie treffen damit den Nagel auf den Kopf und sprechen den Teilen der “Netzgemeinde” aus der Seele, die es mehr interessiert, dass als warum etwas funktioniert.
Es ist zwar ebenfalls recht und billig, darauf hinzuweisen, dass Mitglieder der Band selbst bei der GEMA gemeldet sind und auch das eigene Label Universal seine Hände kaum in Unschuld waschen kann, die Deichkinder also Teil des Problems sind, nur hilft es nicht, den schwarzen Peter endlos zirkulieren zu lassen. Erst recht falsch aufgehoben ist er aber bei einer Band, die erfrischende Schwierigkeiten damit zu haben scheint, sich vom eigenen Publikum abzugrenzen. Dies wird ein weiteres Mal deutlich, wenn die Mitglieder auf ihrem neuen Langspieler sich selbst als Illegale Fans bezeichnen. Letztere bedienen sich – so die schmerzhafte Erkenntnis der letzten Jahre – anderweitig, solange die Musik- und Verwertungsindustrie keine den Zeiten angepassten Geschäftsmodelle entwickeln.
Damit machen sich die Deichkinder erneut mit einem modernen Konsumenten gemein, der nicht bereit ist, darauf zu warten, dass die prädigitale Welt im neuen Jahrtausend ankommt, geschweige denn, sich in ein veraltetes Korsett pressen zu lassen. Dem gegenläufig wird jetzt jedoch am 20. April am Landgericht Hamburg entschieden, ob YouTube auch wirklich genug Videos sperrt.
Deichkinds Erfolg hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sie mit dem antiquierten, paternalistischen Frontalunterricht der übrigen Bands gebrochen haben. Das ist kein Zufall. Es sind Hipster wie du und ich, rebellische Konsumenten, wie Mark Greif sie nennt, Vorboten der Zukunft. Mit ihren Worten: Hört ihr die Signale?

 

Dieser Text ist in redigierter Fassung im Freitag erschienen. Das Bild schoss Daniel Josefsohn im Rio

Video: Knicken | Alpha 10 (+4) 2011

1. Metronomy | She Wants

Die restlichen Videos gibt es nach dem Sprung.

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