Archiv für die 'Agitpop' Kategorie

Geburtstag: 5 Years of Knicken | Farbfernseher, 5.5.12

 

Morgen ist es dann auch endlich mal vorbei. Knicken – das ist die Webseite, auf der ihr euch gerade befindet – wird 5 Jahre und kommt so in ein Alter, in dem es voll in Ordnung ist, Hustensaft mit Alkohol zu trinken. Weil es aber auch mit den Placebos immer schon sehr schön und aufregend war, feiern wir eine kleine Feier im noch kleineren Farbfernseher. Mit euch, den Menschen.

Damit auch wirklich jemand reinkommt, verlosen wir bis Samstag um 12 Uhr 10 Gästelistenplätze – wie üblich völlig und prüfbar willkürlich. Email an knickenberlin@googlemail.com, Betreff 555. Hint: Kleintiere kommen gut.

Weil ihr ja wissen wollt, worauf ihr euch einlasst, bevor ihr einfach mal so Liste abgreift, hier noch die Chevaliers, die durch den Abend geleiten werden:

 

Ji-Hun Kim | Waiting for Things to Complete

Chris Helt | For Drukpers

Peter Bounce | Native Dancer

Acarsenal | Hypergiant Podcast 001

 

Ich freu mich. Mit Schlagobers. Hab euch lieb.

 

re:publica: Luft holen

Die re:publica ist eine Konferenz von Netzoptimisten für Netzoptimisten. Vielleicht ist das genau richtig so

Die re:publica, die Konferenz der deutschen Digital Natives, wurde gestern von einem ausgemachten Netzpessimisten, Eben Moglen, eröffnet. Dieser warnte vor den Gefahren, die mit dem Siegeszug des Mediums – oder besser der Infrastruktur – einhergingen und forderte die Anwesenden stellvertretend für die Gesamtheit der Internetnutzer auf, für Ihre Freiheit zu kämpfen. Diese sieht er durch proprietäre Software, Walled Gardens und geschlossen Plattformen, die den Nutzer zu Gunsten der Bequemlichkeit beschränken und überwachen, gefährdet. Die Message kam an: Free, Decentralized, Open! Man könnte meinen, dass, wenn Evgeny Morozov der Lars von Trier des Netzes ist, es für Eben Moglen zumindest zu einem Thomas Vinterberg gereicht: zwar düster, aber mit Aussicht auf Besserung.

Damit umreißt Moglen ebenfalls grob die Gemütslage derjenigen, die momentan in Branchen tätig sind, die durch das Internet umgewälzt werden. Genau jene aber dürften sich auf der re:publica nur bedingt gut aufgehoben fühlen. Der Konsens, so zwitscherte es auf dem Gelände rund um den Affenfelsen, war: zu wenig Kontroverse, zu viel modernistischer Frontalunterricht – trotzdem ok.

Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass die re:publica eine Veranstaltung von Netzoptimisten für Netzoptimisten ist. So merkte Matthias Urbach (taz) in der Veranstaltung “Wie überlebt mein Unternehmen die Disruption unseres Geschäftsmodells?” unter aufbrandendem Applaus an – sich selbst zu ertappen ist immer eine schöne Sache –, dass man das Gefühl nicht los würde, man befände sich auf einer Konferenz, bei der die hippen Kids ihren Eltern erzählen wollten, wie sie auch wieder cool sein könnten – de facto aber nur Sterbebegleitung anböten.

Was fehlt, ist – wie auch im neuerlichen Buzzthema Urheberrecht – ein Dialog auf Augenhöhe, die Kommunikation zwischen den digitalen Natives und den analogen Immigranten, der Streit, die Reibung, aus der vermeintlich Lösungen erwachsen können. Die Frage, die sich allerdings aufdrängt, ist, ob die re:publica wirklich mehr sein will – oder gar sein sollte – als ein Klassentreffen. Denn, wenn man mal ehrlich ist: einmal im Jahr ist es schön, all die Nerds zu treffen und sich gegenseitig das Leid zu klagen, das die noch viel zu hölzerne Welt noch viel zu häufig bereit hält. Es ist genug Zeit sich zu ärgern, jetzt wird erstmal Luft geholt.

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Es gibt ein Fotobox. Schöne Grüße von Tessa. Der Text erschien ebenfalls auf freitag.de.

Text: Das Problem der Urheber oder Malen nach Zahlen

Vielleicht haben ja doch alle Recht: Ein Versuch, mit Stift und iPad zu skizzieren, warum es ganz verständlich ist, dass “die Urheber” meckern. Und Schuldzuweisungen trotzdem falsch sind

 

Immer wieder liest man dieser Tage Artikel, in denen es heißt, den Urhebern ginge es heute schlechter als “damals”, in den goldenen Zeiten der Kreativbranchen. Außerdem hört man Majorlabels und große Zeitungsverlage klagen, sie würden durch Copyrightverletzungen enorme Summen verlieren, ihre Umsätze daher bestenfalls stagnieren. Dann wieder heißt es anderswo, das wäre alles Quatsch, schließlich sei das Umsatz-Gesamtvolumen in den jeweiligen Branchen gestiegen. Des Weiteren wären Verluste durch Copyrightvergehen nicht 1-zu-1 in entgangene Umsätze umzurechnen. Häufig schießt einem bei all diesen Statements eines durch den Kopf: so so.

Nehmen wir einmal an, alle hätten Recht. Geht nicht? Geht vielleicht doch, es schadet vielleicht nicht mal so zu denken. Mit dieser Annahme lässt sich unter Umständen sogar besser erklären, was wirklich seit dem exogenen Schock “Internet” in den betroffenen Branchen passiert ist.

Stellen wir uns also einen Markt in einem vereinfachten Modell vor, als Pyramide, an deren Spitze die Topverdiener stehen und deren Basis sich aus den Urhebern speist, die eher weniger vom Kuchen abbekommen. Die Breite der Pyramide definiert sich durch die Anzahl der Urheber, die Höhe durch die Einkommen der Topverdiener. Die Fläche der Pyramide bestimmt naturgemäß den Gesamtumsatz der jeweiligen Branche.

Diese Pyramide (ABC) war vor vielleicht 15 Jahren noch sehr steil und spitz. Es gab in der Masse wenig Urheber, eine kleine Elite verdiente eine Menge Geld. Heute ist die Pyramide (A’B’C’) sehr breit und flach. Es gibt eine schier endlose Menge an Urhebern und wenige(r) Topverdiener. Außerdem ist der Durchschnittslohn gefallen.

Natürlich simplifiziert dieses Bild die Wirklichkeit – nicht zuletzt auch aufgrund der eigenen Zeichenkünste. Es hilft jedoch vielleicht dabei zu begreifen, warum die ehemaligen Spitzenprofiteure genauso meckern wie der Ottonormalurheber – und die breite Masse trotzdem profitiert.

Aber Schritt für Schritt: Die Verschiebung von A nach A’ und B nach B’ findet statt, weil Herrschaftswissen (<3) nicht mehr monopolisiert, sondern mehr und mehr vergesellschaftet wird. Clay Shirky sagte vor kurzem “Publishing is not a Job anymore, it’s a Button”. Was er damit zum Ausdruck bringt, ist, dass Technik, die früher nur wenigen zur Verfügung stand, heute fast jedem zugänglich ist. Jeder kann sein eigener Verleger sein, sein Blog schreiben, Texte veröffentlichen. Das Gleiche gilt für Musik, für Kunst, für alle Kreativbereiche. Wenn jeder Urheber sein kann, steigt zwangsläufig die Menge an Urhebern. Dies spiegelt sich in der breiteren Basis des Dreiecks A’B’C’ wieder.

Anders verhält es sich mit dem Geldbeutel. Die Menge an Geld, die für Kreativarbeit ausgegeben wird, bleibt die gleiche (ABC = A’B’C’). Vielleicht ist sie etwas geschrumpft, vielleicht ist sie leicht gestiegen – es handelt sich hierbei um eine statistische Glaubensfrage. Der Effekt jedoch ist in jedem Fall eine Verschiebung von C nach C’.

Warum das so ist, weiß jeder, der seine Gewohnheiten der Neuzeit angepasst hat. Während man damals auf wenige Meinungsführer und Quellen angewiesen war, um seinen eigenen Geschmack zu entwickeln, hat man heute viele. Das Netz ist eine Entdeckungsmaschine. Menschen tauschen sich z.B. in sozialen Netzwerken über Artikel und Blogs aus, die sie lesen, finden via Google die obskursten Beiträge zu den obskursten Themen. Sie teilen ihren Musikgeschmack z.B. via last.fm – oder direkt in Filesharing-Netzwerken – und lesen womöglich lieber Pitchfork, eine Webseite, als den Musikexpress, ein Magazin.

Radio, Zeitungen oder Fernsehen, all diese Medien zeichnet aus, dass sie begrenzt sind bzw. waren. Sei es durch Sendezeit oder Anschläge, am Ende blieb selten mehr Raum als für den Mainstream, der dadurch jahrelang übervorteilt wurde. Er stand durch diese Begrenzung im Mittelpunkt des Konsumenteninteresses. Das hat sich grundlegend verändert. Das Internet bietet mannigfaltige Möglichkeiten, um anderswo zu konsumieren, als uns der Frontalunterricht vergangener Tage weismachen wollte. Das Netz hat keine zeitliche Begrenzung, auch ist es nicht irgendwann voll. Wenn wir wollen, können wir uns also all die Dinge anschauen, die es (damals) nicht ins Radio, ins Fernsehen oder in die Zeitungen geschafft haben und uns überlegen, ob das nicht vielleicht eher das ist, was interessiert.

Unser Geschmack, unser Konsum ist dadurch breiter geworden, hat sich aufgefächert. Dieser Umstand ist für die entsprechende Branchen viel gravierender als die Frage danach, ob für das Werk bezahlt oder nicht bezahlt wurde. Wir splitten unabhängig davon entsprechend dieser neuen Präferenzen Aufmerksamkeit und gleichermaßen real verfügbares Budget auf. Es wäre befremdlich, wenn jemand erzählen würde, sein Repertoire an Nachrichtenquellen oder gehörten Bands wäre heute kleiner als – sagen wir – 1995. Wie diese Präferenzverschiebung entstand – legal oder illegal – ist im Grunde irrelevant. Entscheidender ist der Effekt – über den allerdings dürften einige zu Recht klagen.

Denn wenn ungleichmäßiger als früher konsumiert wird, muss zwangsläufig auch die verfügbare Menge an Geld auf mehr Erzeuger als früher verteilt werden. Dadurch sinkt vor allem das Einkommen der Mainstreamkünstler und deren Interessenvertretern, die zusätzlich von der elitären Begrenzung, der künstlichen Verknappung der prädigitalen Zeit profitierten.

Aber nicht nur das, auch Ottonormalurheber muss mit weniger Geld auskommen. Der Durchschnittslohn sinkt (Ø nach Ø’). Das zu erklären ist einfach: der gleiche Kuchen wird von mehr Menschen gegessen als früher. Dies ist sozusagen der Preis, den man für die mit dem Internet einhergehende Vergesellschaftung der Produktionsmittel zahlen muss. Nicht verschwiegen werden darf ergo, dass heute schlicht mehr Menschen Geld – wenn auch weniger – mit ihren Werken verdienen als zuvor. VWL1: Was viele können, wird am Markt (!) schlechter vergütet.

Was wir also heute beobachten, sind Branchen, in denen vor allem die “alten” Protagonisten unter dem Wandlungsprozess leiden, während mehr und mehr Erzeuger zumindest ein wenig von diesem profitieren. Gleichzeitig genießt der Konsument mündiger ein weitaus größeres Spektrum an Erzeugnissen als dies früher der Fall war. Grund dafür ist eine Freiheit für viele. Es ist an uns selbst zu entscheiden, was sie uns wert ist – und dabei immer im Auge zu behalten, ob es nicht vielleicht mehr die eigenen Verlustängste als Überzeugungen sind, die uns antreiben, wenn wir überlegen, wie die Zukunft auszusehen hat.

Eines steht unterdessen fest: Schuldzuweisungen boten noch nie viel Perspektive für Lösungen, die veränderten Gegebenheiten gerecht werden können.

 

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Dieser Text entstand, weil ich versuchte, meiner Mitbewohnerin grafisch zu erklären, warum es ok ist, dass Hobbyfotografen im Netz genauso erfolgreich sein können wie Leute, “die das gelernt haben” – und die monetäre Entwertung “richtiger Kunst” vor allem ein subjektives Problem ist. Das wiederum ist ebenfalls ein subjektives Werturteil, welches ich oben versuche zu begründen.

Text: Deichkind, Hipster wie du und ich

1997, kurz vor Napster und den damit vermeintlich eingeläuteten Hungerjahren der Musikbranche, gründet sich die Gruppe Deichkind in Bergedorf. Ihre Ursprungskombo besteht aus Malte Pittner, Philipp Grütering und Bartosch “Buddy” Jeznach, die mit ihrer ersten Single Wer bremst das?! zumindest in der lokalen Hiphopszene Aufsehen erregen können. Das Lied selbst postuliert Vorlieben für den Tanzpalast, Opel Monzas und Dolly Busters Busen und skizziert so schon früh, wohin die Reise der Umland-Hamburger gehen soll: aus dem verschlafenen Nest in die abgeranzten Diskotheken der Republik. Wenig später gelingt zusammen mit der Rapperin Nina Tenge der nationale Durchbruch: Bon Voyage.
Was folgt ist nicht immer so “bon” wie gedacht. Zwar landet die Band kommerzielle Achtungserfolge und erfreut sich dank des lyrischen Charmes eines intellektuellen Truckdrivers und der bei Langspielern mit viel Hingabe gepflegten Vorliebe für lokalpatriotisch verkniffene Einspieler zwischen den Liedern hoher Beliebtheit, doch kurz nach einem ambivalenten Auftritt bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest ist für Pittner wegen “privater Streitigkeiten” Schluss. Später kommt er bei Olli Dietrichs Countryband Texas Lightning unter.
Um dem trennungsbedingten Seelenkater entgegen zu wirken, wählt die Band, bei Live-Auftritten verstärkt von Henning “DJ Phono” Besser, das Konterbier und fängt an, die eigenen Bühnenshows in ekstatische Festivals des Schmutz zu verwandeln: Laserblitze, Neonfarben, Plastiksäcke, wabernde Bierbäuche, Sektduschen, Duct Tape, stagedivende Sofas. Es geht einiges. Unterstützt werden sie dabei immer öfter vom ehemaligen Schulfreund und Dauer-Roadie Sebastian “Porky” Dürre sowie Sascha “Ferris MC” Reimann, dessen ergebnisorientierte Aufnahme ins Programm man vorsichtig als halbseidenen Resozialisierungsversuch bezeichnen kann. Das funktioniert deutschlandweit. Außer für Jeznach, vorletztes Mitglied der ersten Stunde, der den Dienst quittiert, um – so heißt es auf der Homepage der Deichkinder – nicht den “Papillon bei der Entfaltung” zu behindern.
Der augenzwinkernde, jugendliche Vorstadtjunge-trifft-auf-Großstadt-Hiphop ist peu a peu einem vermeintlich sinnentleerten Tech-Rap gewichen, der als trashiges Gesamtkunstwerk ungezügelt dem verfeierten Prekariat urbaner Subkultur huldigt. Deichkind ist, glaubt man den jüngsten Verkaufszahlen, auf diesem Weg gesellschaftsfähig geworden – nur eben nicht so, wie es sich Kristina Schröder vorstellt.
Der Grund dafür ist ein feines Gespür für den Zeitgeist. Zwar ist die Band im weitesten Sinne kulturschaffend, jedoch dürfte es keine Probleme bereiten, sie irgendwo innerhalb der drei Definitionen anzusiedeln, die Mark Greif in seiner transatlantischen Diskussion anbietet, um den Hipster, die Vorfront des konsumierenden Mainstream, zu beschreiben. Die Grenze zwischen Produkt und Konsument, zwischen Band und Publikum, verschwimmt ohnedem zusehends, was sich nicht nur in den übergreifenden Liveshows oder der Fluktuation des Personals widerspiegelt. Wer Deichkind sagt, meint schon lange nicht mehr “Malte, Buddy und Philip”, die Band, das Personal, sondern die Partys, das gemeinsame Lebensgefühl, das Phänomen. Für die trendbewusste neue Bohème jedenfalls gehört es zum guten Ton, einen Konzertbesuch in der Vita verzeichnen zu können. Falls es denn eines Lebenslaufes bedarf, denn, so postuliert die Band einvernehmlich mit dem Publikum: Arbeit nervt.
Ebenso einvernehmlich fällt das Urteil bezüglich der GEMA-Sperrungen auf YouTube aus, die heute, nach einer längeren Schaffenspause – nicht zuletzt durch den Tod des Produzenten Sebastian Hackert bedingt – im Speziellen die neuen Videos der Band und im Allgemeinen Deutschlands Musikfans betreffen. Diese konsumieren nach dem schleichenden Niedergang des hiesigen Musikfernsehens zunehmend im Netz, treffen dort jedoch vermehrt auf die Stoppschilder einer anachronistischen alten Bekannten, der GEMA.
Auf Deichkinds Facebook-Fanpage heißt es dazu: “Ob Plattenfirma, YouTube oder GEMA, egal wer dafür verantwortlich ist. Wir wollen, dass unsere Videos zu sehen sind. Regelt euren Scheiß jetzt endlich mal und macht eure Hausaufgaben. Ihr seid Evolutionsbremsen und nervt uns alle gewaltig.” Sie treffen damit den Nagel auf den Kopf und sprechen den Teilen der “Netzgemeinde” aus der Seele, die es mehr interessiert, dass als warum etwas funktioniert.
Es ist zwar ebenfalls recht und billig, darauf hinzuweisen, dass Mitglieder der Band selbst bei der GEMA gemeldet sind und auch das eigene Label Universal seine Hände kaum in Unschuld waschen kann, die Deichkinder also Teil des Problems sind, nur hilft es nicht, den schwarzen Peter endlos zirkulieren zu lassen. Erst recht falsch aufgehoben ist er aber bei einer Band, die erfrischende Schwierigkeiten damit zu haben scheint, sich vom eigenen Publikum abzugrenzen. Dies wird ein weiteres Mal deutlich, wenn die Mitglieder auf ihrem neuen Langspieler sich selbst als Illegale Fans bezeichnen. Letztere bedienen sich – so die schmerzhafte Erkenntnis der letzten Jahre – anderweitig, solange die Musik- und Verwertungsindustrie keine den Zeiten angepassten Geschäftsmodelle entwickeln.
Damit machen sich die Deichkinder erneut mit einem modernen Konsumenten gemein, der nicht bereit ist, darauf zu warten, dass die prädigitale Welt im neuen Jahrtausend ankommt, geschweige denn, sich in ein veraltetes Korsett pressen zu lassen. Dem gegenläufig wird jetzt jedoch am 20. April am Landgericht Hamburg entschieden, ob YouTube auch wirklich genug Videos sperrt.
Deichkinds Erfolg hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sie mit dem antiquierten, paternalistischen Frontalunterricht der übrigen Bands gebrochen haben. Das ist kein Zufall. Es sind Hipster wie du und ich, rebellische Konsumenten, wie Mark Greif sie nennt, Vorboten der Zukunft. Mit ihren Worten: Hört ihr die Signale?

 

Dieser Text ist in redigierter Fassung im Freitag erschienen. Das Bild schoss Daniel Josefsohn im Rio

Limited Vinyl Only

 

Die Erstveröffentlichung des Labels ava. ist eine auf 200 Stück limitierte 12 inch mit dem Titel “Various Artists”. Die Platte selbst ist in ein handgemachtes “Artwork” eingetütet, das mit einem Sticker verziert ist. Vor fast einem Jahr war es noch möglich, die Platte auf Decksrecords zum regulären Verkaufspreis (10,99 €) zu bekommen. Will man die Scheibe heute haben, kann man sie über discogs.com für 50 € erwerben. Auf der Pinnwand der FB-Fanpage von ava. ist nun ein Screenshot dieses Angebots mit der Überschrift “crazy.” zu sehen. “Crazy” aus dem Englischen übersetzt bedeutet: kirre, meschugge, übergeschnappt, verrückt oder wahnwitzig. Da ist nicht zwingend negativ.

Ich selbst habe für mein Exemplar wahnwitzige 25,50 € bezahlt – ebenfalls über discogs.com. Seitdem spiele ich “Symphonie Of A Brother” von Damiano von Erckert & Funkycan in beinahe jedem Set und kann mir dabei ein glückliches Lächeln nicht verkneifen. Denn zum Einen weiss ich natürlich was ich für die Scheibe hingelegt habe und zum Anderen, dass ich zu den “wenigen” glücklichen Besitzern dieser Rarität gehöre und sozusagen privilegiert bin, das schöne Stück auf Vinyl spielen zu können. Das sorgt zumindest bei mir, für eine zusätzliche Wertschätzung.

 

Damiano von Erckert & Funkycan | Symphonie of a brother

 

Tatsache ist doch, ein Label wird gegründet und das erste Release soll auf Vinyl erscheinen. Dieses wird möglichst bezahlbar, also in einer relativ geringen Auflage gepresst. Bei 200 Stück kann man schon mal handnummerieren, stempeln, oder eben eine Verpackung “basteln” bzw. ein handgemachtes Artwork beifügen. Decksrecords beschreibt das ava. Release als “fantastic limited handmade artwork 12 Inch Vinyl” – oder anders gesagt, ein besonderes Sammlerstück für Musikliebhaber des analogen Tonträgers. Bestimmt nicht nur, um dem Label Tribut zu zollen, sondern eben auch als Verkaufsargument. ava. hat erreicht, wovon viele kleine Labels träumen. Ihr erstes Release wurde komplett ausverkauft und das im digitalen Zeitalter, crazy.

Wenn man die Verkaufsgeschichte auf Discogs betrachtet, wird deutlich, dass die von mir investierten 25,50 € noch im preislichen Rahmen liegen. Der höchste Preis, der erzielt wurde, war 33,33 €, der Durchschnittspreis liegt bei 20,46 €. Es ist also nicht verwunderlich, dass jemand die Scheibe für 50 € verkaufen will, wenn 70 registrierte Discogsler das Vinyl in ihrer Wantlist haben und er gerade der Einzige ist, der sie exklusiv verkauft. Wer diesen Preis bezahlt, der muss doch total kirre sein.

Natürlich wird es immer Platten geben, die einem durch die Lappen gehen. Zu diesen zählt auch die auf Sushitech erschienene Mike Huckaby – Baseline 87, die auf 300 Stück limitiert ist und im Club für mächtig Dampf sorgt. Nach einem Vorverkauf haben nur noch wenige Scheiben den Laden überhaupt erreicht. Verrückterweise steht die Scheibe nun 18-mal auf discogs.com zum Verkauf. Dabei reichen die Preise von 25 – 85 €. Völlig übergeschnappt. Allein im Januar wurden 3 Exemplare für 33, 35 und 38 € verkauft. Klar genießt ein Mike Huckaby mehr Aufmerksamkeit und auch die beiden limitierten 10 Inch Vorgänger Sushitech 4.3 und 4.4 verleihen dem Hype um dieses limitierte Vinyl zusätzlichen Schub. Aber bei 18 angebotenen Stücken ist zum Einen der hohe Preis nicht mehr nachvollziehbar und zum Anderen zeigt es einfach, dass viele Hamsterkäufe getätigt und auf einen satten Gewinn spekuliert wurde. Wenn man die Scheibe für 10 € kauft und sie dann für im Schnitt 34,84 € verkaufen kann, macht man halt einen guten Schnitt. Die 205 want this Klicks auf discogs.com geben ihnen Recht.

 

Mike Huckaby | Baseline 87′

 

Aus Labelsicht muss es echt crazy sein, diese Entwicklung zu sehen. Obwohl – vielleicht verbirgt sich dahinter auch eine clevere Marktstrategie. Hat man gesehen, dass die Scheibe funktioniert, wird bei Labelmachern wie Vinylsüchtigen der Wunsch nach einem Repress größer. Was ist aber die Konsequenz einer weiteren Auflage? Wie beim Geld nachdrucken, kommt es zu einer Inflation, also einer Entwertung der Erstauflage. Doch damit schaden die Labelmacher nicht nur den Käufern der ersten Stunde, sondern auch sich selbst und ihren Künstlern. Das ganze wird als Hype-Strategie entlarvt und wird sich spätestens beim nächsten Release bemerkbar machen. Labelmacher sollten den Mut haben, dem Gesang der Sirenen zu widerstehen um den selbst gemachten Mythos nicht gleich wieder selbst zu dekonstruieren.

Und als Vinylsammler vielleicht einfach mal wieder den Weg in den nächsten gut sortierten Plattenladen finden. Da wartet vielleicht noch der ein oder andere Schatz darauf gefunden zu werden. Außerdem gibt es z. B. mit der Clone Store Only Series, die wie der Name schon sagt, Platten, die nur im Laden eures Vertrauens zu haben sind – eine erfrischende Innovation, wie ich finde. Trotzdem ist auch hier ist Eile geboten – aber gute DJs haben ja bekanntlich flinke Hände.