Feierei: Loftus Hall | Peter Bounce, I:Cube, Patrick Reddy, 21.01.12

Am Samstag spielt Peter Bounce, der ewige Wegelagerer von der Nordseeküste Berlins (Neukölln), im Dreiländereck, genauer gesagt in der hiesigen Loftus Hall. Dieser Ort ist aufgeladen mit einem Charme, der am ehesten an eine Mischung aus dem Vereinsheim des VfL 93 Hamburg, einer Diskothek auf (!) der Meckelenburgischen Seenplatte – nennen wir sie Taubenschlag – und einem Schuss Moschus frisch rasierter “Twens” mit einem Hang zu extrovertierten Barthaarstylings erinnern dürfte. Das Feld ist dementsprechend absolut standesgemäß bestellt.

Es spielen auch noch andere Leute, die zwar nicht weiter erwähnenswert sind, aber einen eigenen Wikipedia-Eintrag claimen können. Respekt und ein Herzchen dafür. Ich komm aber auch und mach’s wieder gut, versprochen.

 

PS: Das Mixtape ist der Shit. Ich könnte jetzt sagen: as always. Es ist aber eher so: as always ultra. Schwöre.

Mehr Infos zur Party gibt es auf Facebook oder nach dem Break.

 

FREE BEFORE MIDNIGHT

SILKEN EERIE with

I:Cube (Versatile)
Patrick Reddy (Kleine Reise)
& Peter Bounce (Knicken, Milch)

23:00 SATURDAY 21.1.12

Memories haunt these hallowed walls,
Of dancehall days and former balls,
Spirits of old we will invoke,
With tainted light of mist and smoke,
Dust your shoes and save the date,
For days of gold we recreate,
We wish too see you dearly,
Amidst the night of Silken Eerie.

Verlosung: Chez Jacki | Justus Köhncke & Peter Bounce, 16.12.11, 1×2 Gästelistenplätze

Liebe alle,

am kommenden Freitag findet in der Rumpelkammer der Maria, dem Chez Jacki, eine kleine Feierei mit dem Justus Köhncke statt. Der ist zugegebenermaßen nicht mehr so frisch wie der Constantin Köhncke, hat aber auch schon ein bisschen was hinter sich. Köln z.B.. Jetzt könnte man natürlich einwenden, dass der Constantin Köhncke selbige Erfahrung machen musste. Könnte man. Ich möchte aber damit schließen, dass das alles ein bisschen anders ist.

 

Justus Köhncke | Live @ Werkstatt Köln (Download)

 

Neben dem Kompaktpopper wird mein guter Freund Bernd, der einigen von euch eher unter seinem Pseudonym “Sexy Bernd” bekannt sein dürfte (Hallo Frankreich, hallo Peter Bounce, hallo Hemmungen), durch den Abend leiten. Wie bei allen DJs geht es – das möchte ich an dieser Stelle fairerweise nicht verschweigen – auch bei ihm vornehmlich darum, sein zweifellos tristes Tellerdasein als Vorschubargument für souverän vorgetragenen Alkoholismus zu missbrauchen. Dass das gut klappt, möchte er mit einer weiteren Runde Fahrstuhlmusik Berliner Couleur beweisen. Schmierfett Schnaps und das Wohnzimmerpersonal werden ihr übriges tun. Wort drauf. Ich möchte aber damit schließen, dass das alles ein bisschen anders ist.

 

Peter Bounce | Majestic Prince (Download)

 

Und da ich Mondo Cane ebenso wie euch sehr stark gerne habe, verlose ich 1×2 Gästelistenplätze. Das Prozedere ist so besinnlich wie jedes Jahr: Email an knickenberlin@googlemail.com, irgendwas reinschreiben und auf Besserung hoffen. Ich möchte endgültig damit schließen, dass alles etwas anders kommen wird.

 

Mehr Informationen zu der Veranstaltung finden sich rechts auf dem Flyer, auf Facebook oder nach dem Sprung.

 

16.12.11, 23 Uhr

Chez Jacki
An Der Schilling Brücke
10243 Berlin

Lineup

JUSTUS KÖHNCKE
(Kompakt / E`DE Cologne)
http://www.kompakt.fm/artists/justus_koehncke

RANGLEKLODS
(Copenhagen /DK)
www.facebook.com/rangleklods

BEKA HOOP
(ihoopu/Montreal)
https://www.facebook.com/beccahoop

DJs

PETER BOUNCE
(Knicken / Milch)
http://www.facebook.com/pages/Peter-Bounce/35327176441

DICK & FETT
(Farbfernseher)
http://soundcloud.com/dickundfett/fschiiiiid

GENTLE PEOPLE
(WHITE/ LJD)
www.facebook.com/JasonGentlePeople

Google Reader: Herrsche und teile. Nicht.

Google nimmt seinem  Feedreader die soziale Interaktion und zwingt dessen Nutzer in vorzeitliche Isolation. Das trifft vor allem Meinungsführer und Aggregatoren

Der Vorhang ist gefallen. Seit kurzem ist der Google Reader nicht mehr, was er einmal war: ein Mikrokosmos der Blogosphäre, in dem sich eine kleine Schar von Netzmenschen darüber austauschte, was die relevanten [sic!] Themen des Netzes waren. Die Krux dabei ist, dass davon nur wenige wussten. Für die meisten Anwender ist und war Googles Feedreader nur eins: ein Feedreader – das heißt, die Möglichkeit, den RSS einer Seite zu abonnieren und akkumuliert mit denen von anderen Seiten zentral auf einer Seite darzustellen. Ein persönlicher, wenn auch statischer Newsticker.

Das änderte sich schlagartig, als Google Buzz einführte, ein damals gescheiterter Gegenentwurf zu Twitter. Einziges nützliches Überbleibsel aus diesen gottlob vergangenen Zeiten war die vernetzende Folgefunktion (, die es zwar schon zuvor gab, jedoch lange nicht so prominent). Sie markierte den Punkt, an dem es möglich war, anderen Usern Artikel zu empfehlen und ebenso deren Empfehlungen direkt in den eigenen Newsstream injiziert zu bekommen.

Dass viele Augen mehr als nur zwei sehen, war ein Umstand, der vor allem auf die bloggende Zunft – ewig auf der Suche nach den “Trending Topics” – einen enormen Reiz ausübte. So entwickelte sich über Zeit ein kleines, aber feines soziales Netzwerk, das sich innerhalb des Google Readers auf dem Laufenden hielt. Der Google Reader war das Allheilmittel gegen die Angst etwas zu verpassen und gleichzeitig komparativer Vorteil gegenüber all denen, die nichts davon wussten.

[Einschub: Neben der sozialen Funktion hat Google ebenfalls die Möglichkeit gestrichen, aus Lesezeichen individuelle RSS-Feeds zu generieren. Dies geht vor allem zu Lasten derer, die aus den Artikeln, die sie im Reader mit bestimmten Tags versehen, automatisch den Content für z.B. Fanpages oder Twitter-Bots erstellen. Auch hätte man mit Hilfe der generierten Feeds die Reader-Community zwar umständlich, aber immerhin am Leben erhalten können. Neben dem Tod eines sozialen Mikronetzwerks ist also auch ein neu erschaffenes strukturelles Problem zu beklagen, das es jetzt gilt mit Workarounds zu lösen.]

Insofern ist klar, warum der Aufschrei (über 10.000 Petenten gegen den Umbau) in bestimmten Kreisen groß war – und im Gros verhallte –, als Google (überraschend) ankündigte, den Reader in Zukunft zugunsten des Mammutprojekts Google+ um seine soziale Funktion beschneiden zu wollen. Es ist nicht das Aufbegehren der Nachrichtenkonsumenten, sondern derer, die kreativ mit Nachrichten jonglieren, sie verbreiten, schnell und effizient zu etwas Neuem weiterverarbeiten oder in schlichte Netzschauen aggregieren. Ihnen wird die Möglichkeit genommen, sich einfach und zentral (!) miteinander zu vernetzen.

Auf den gemeinen Leser wird Googles Umstellung dementsprechend zunächst marginale Effekte haben. Man wird sich die Nahrung weiterhin in Zeitungen, sozialen Netzwerken, auf Seiten wie SpOn, einer Handvoll Blogs oder aber eben im (blinden) RSS-Reader besorgen – also zerfasert. Für viele Meinungsführer und deren Leser heißt es jedoch jetzt: Umdenken. Wo man sich bis gestern noch gemeinsam durch eine Flut von Nachrichten arbeitete, ist man jetzt wieder Einzelkämpfer, geschirrmachert von einer Flut von Informationen, bedroht vom Verlust der Filtersouveränität. Denn wer möchte schon von sich behaupten, er wäre in der Lage, 800 Artikel am Tag zu lesen – erst recht, wenn man nicht einmal weiß, wo danach zu suchen ist?

Googles Schritt ist einer von der Qualität hin zur Masse. Er zwingt einer Community, die für sich in Anspruch nimmt, modern mit Nachrichten umzugehen, einen konzeptionellen Schluckauf auf – bringt nicht um, nervt aber –, dessen Ende nicht absehbar ist und opfert dafür das einzige funktionierende (!, wenn auch kleine) soziale Netzwerk des eigenen Portfolios. Ohne Not und zu Gunsten eines Hypes, von dem es ”nichts versteht”.

Heureka. Nicht.

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Ebenfalls eingestellt auf Google+ und Freitag.de. Bild: Wikipedia

“Nachlässig, ignorant und hochtrabend”

In einer Welt, deren Maxime “Permanent Beta” heißt, bleiben Menschen, Märkte und Machtstrukturen auf der Strecke. Das stresst, ist aber unvermeidlich

Die FAZ druckte unlängst eine übersetzte Fassung der Kritik, die Evgeny Morozov an Jeff Jarvis neuem Buch “Public Parts” anbrachte. Der Beweggrund dieses Textes ist allerdings nicht der Inhalt der Morozov’schen Kritik – wobei ich nicht in Abrede stellen möchte, dass es sich um ein interessantes Stück handelt, nur soll es eben hier nicht eingehend behandelt werden -, sondern deren Stoßrichtung selbst: der Umstand also, dass mit Morozov ein selbsternannter Netzskeptiker einen der stärksten Befürworter des Internets, Jeff Jarvis, scharf angreift und damit eine neuerliches “You’re either with us, or against us” heraufbeschwört. Ein weiteres Kapitel eines fortwährenden Kampfes von Bewahrern und Reformern zieht natürlich immer. Dabei ist der Zug längst abgefahren.

Bereits im frühen 19. Jahrhundet begann nämlich die Erfolgsgeschichte der Eisenbahn. Gleise wurden gelegt, Monopole errichtet, Chancen genutzt, die Mobilität erhöht, Kriege und Scharmützel geführt und Regionen “entdeckt”, von denen im Osten bis dato nie jemand gehört hatte. Auch damals gab es Glücksritter und eben jene, die auf einen möglichen Glücksfund im Westen gerne verzichtet hätten, würde nur alles so bleiben wie bisher. Es sollte – wenn auch nicht schmerzfrei – anders kommen.

Wir aber stecken heute noch mitten in unserer Erfolgsgeschichte, sind sozusagen live dabei: Zivilisatorischer Fortschritt in der ersten Reihe, mit Popcorn und allem, was das Herz begehrt. Dabei hat aber das Neue, das den einen Angst macht und den anderen Freude bereitet, nicht nur mit Datenschutz, Post-Privacy und Netzneutralität zu tun. Das alles sind Episoden auf einer langen Reise, die anders als die Eisenbahn (mehr oder minder) kein Ende finden wird. Denn das Netz selbst ist der Fortschritt im Fortschritt, es produziert ihn immer wieder. Auf den nächsten Halt müssen wir nicht mehr warten, wir passieren ihn bereits.

Das Rezept hierfür (und für einige andere Dinge) heißt “Permanent Beta”, eine Entwicklung, die keine “Final”, also kein Endstadium kennt. Alles wird ständig und unaufhörlich weiterentwickelt, nichts wird fertig, alles muss über den Haufen geworfen (zumindest aber hinterfragt) werden, sobald es einmal steht. Und: nichts ist “too big too fail”. Dem Internet ist der Wandel immanent. Das aber heißt für das einzelne Individuum, dass auf der eigenen Lernkurve kein Platz mehr ist für Lernplateaus, das Zielniveau, die Ruhepause. Alle diejenigen, die also studiert haben, um ihr Ticket für den Arbeitsmarkt zu lösen, dürfen jetzt enttäuscht sein. Auf den Lorbeeren wird sich niemand mehr dauerhaft ausruhen können, schon gar nicht ewig die Früchte harter Arbeit von anno dazumal ernten. Das ist vorbei, morgen geht es von vorne los. Wer aber des Studierens wegen Student war, darf frohlocken: das geht jetzt immer so weiter. Das Konzept des lebenslangen Lernens mag so alt wie der Mensch selbst sein, nie aber war es so aktuell (und verbreitet) wie heute.

Es verwundert daher nicht, dass die Kritik am Netz (und allem, was damit irgendwie zusammen hängt) häufig in missmutigen Sätzen wie “Damit möchte ich mich einfach nicht auseinandersetzen (müssen)” mündet. So spricht ein Lebensmodell, das sich und den Status Quo zu erhalten sucht. In dieser ablehnenden Haltung manifestiert sich der Unwille, sich grundsätzlich mit Neuem auseinanderzusetzen. Man hat ja schließlich schon genug gelernt. Es ist dabei völlig klar, dass Umschulen ebenso schwer wie die Erkenntnis der Notwendigkeit fällt. Hieraus resultiert bei den Getriebenen Stress auf einer sehr existenziellen Ebene. In etwa so kann man sich die Gefühlslage in der Bergbaubranche vorstellen, als die ersten Zechen schlossen. Niemand der Involvierten wird die damalige Entwicklung für gut befunden haben. Daran ist auch nichts falsch. Nur darf man sich heute nicht mehr beschweren, wenn einem die Felle davonschwimmen. Denn das Aufholen von Verpasstem (“Na gut, es sind ja jetzt alle meiner Freunde bei Facebook.”) bzw. das Erlernen von Neuem ist die Sisyphosarbeit, die das Netz uns auferlegt und in Zukunft in steigender Frequenz immer wieder auferlegen wird.

Im Gegensatz zum Planeten (oder bescheidener: zum wilden Westen) ist im Internet immer Platz für neue Schienen und damit neue Glücksfunde, Herausforderungen und Ideen. Es wird nie vollständig erschlossen sein und umspannt trotzdem den gesamten Globus. Der Entdeckungsprozess wird nie enden. Schon jetzt breitet sich das Netz ferner schneller aus, als es den meisten, vor allem aber auch den Nationalstaaten und ihren Institutionen, lieb sein kann. Denn genau wie das getriebene Individuum befinden auch diese sich im Stress, der nach der Prokrastination kommt.

Anders ist nicht zu erklären, dass es kein Gegengewicht gibt zu einem simplen “Don’t be evil!” und dem darin enthaltenen Glaubensbekenntnis, das der heranreifenden Wissensgesellschaft abverlangt wird. Dieser Spruch soll uns versichern, dass Firmen wie Google – aber auch Facebook, Amazon oder Ebay –, die uns die digitale Öffentlichkeit global zur Verfügung stellen, im Netzbürger mehr sehen als den simplen Kunden einer privaten Firma. Uns die Rechte einzuräumen, zu garantieren, die einen öffentlichen Raum zu einem wirklichen Raum der Öffentlichkeit machen, steht und fällt momentan mit den Interessen kommerziell operierender Unternehmen, nicht aber mit denen einer internationalen Institution, die den modernen Global Playern entgegen steht. Auch diese vermeintliche Hilflosigkeit ist ein Quell des immer wieder aufbrandenden Misstrauens, der Skepsis gegenüber dem Netz generell. Und selbst wer gläubig ist, wird erkennen müssen, dass unsere Altvorderen die Geister, die sie riefen (Globalisierung, on- und offline), gar nicht in der Lage sind zu kontrollieren (geschweige denn zu verstehen), solange sie es sich in der Kleinbürgerlichkeit des Nationalstaats gemütlich machen.

Statt aber groß zu denken und Weitblick zu beweisen, sich auf Veränderung einzustellen, kümmert man sich um die schönen – also die alten, liebgewonnenen, vertrauten – Dinge des Lebens und versucht mit allerlei modernen Kohlepfennigen (z.B. dem Leistungsschutzrecht), die unter dem Druck des Wandels schwächelnden nationalen Industrien auf Pump (VWL 1: “Der Irrsinn heute ist der Verzicht morgen”) am Leben zu erhalten, während die neuen digitalen Industrien eine internationale Wirklichkeit schaffen, die Strukturen, Regeln und Abkommen der alten Welt überholt, teilweise ad absurdum führt. Ohne Nachhilfeunterricht wird das nichts.

Es ist also kein Wunder, dass sich selbst in der Politik eine leise Sehnsucht nach Verjüngung breit macht. Jugend, so scheint es, ist der Schlüssel zum Problem, auch wenn sich in der Umsetzung häufig noch der Eindruck eines Escortservice aufdrängt. Wer jung ist, will im besten Fall lernen, ist neugierig und hat noch die Art von Visionen, wegen denen Altbundeskanzler Helmut Schmidt zum Arzt gegangen wäre. Berufsjugendlichkeit ist sozusagen der Soft Skill der Stunde, auf dem Weg steil nach oben im CV. Es überrascht daher wenig, dass das Netz voll ist, von Dingen, die auf den ersten Blick wenig Sinn ergeben, sich ausprobieren wollen und häufig kindisch anmuten. Es ist eine riesige Spielwiese, auf der nicht wenige sich eine blutige Nase holen, die Begeisterung jedoch selten verloren geht.

Ernst Barlach sagte einst, es sei das Vorrecht der Jugend, Fehler zu begehen. Aus letzteren, so heißt es gemeinhin, lerne man am Besten. An diesem Punkt befinden wir uns wieder beim “Elend der Internetintellektuellen”, die Morozov als “nachlässig, ignorant und hochtrabend” beschreibt. Auch, wenn die betroffenen Seiten es in den seltensten Fällen wissen, so ist es im Grunde das größte Kompliment, das man einem Jugendlichen machen kann.

 

Dieser Text wurde durch einen Post von Marcel Weiß angeregt. Kopien des Textes befinden sich außerdem auf Freitag.de und Google+. Das Bild stammt von Swami Stream.

Kinospot: Mustafa’s Gemüsekebap | Davor steh ich mit meinem Namen

 

Berlin – Am Donnerstag, den 20. Oktober, eröffnete das Yorck-Kino zu Kreuzberg 61 seine Pforten, um einem ausgewählten Publikum aus Presse, Freunden und Liebhabern des Drehspießes den brandneuen Kinospot für Mustafa’s Gemüsekebap zu kredenzen. Mich selbst kostete es einiges an Überwindung, 36 zu verlassen und mich zu unchristlichen Zeiten vom Halleschen Tor aus in Richtung Schöneberg zu begeben. Für das Babylon hatte es offensichtlich nicht gereicht, auch das Neue Off wäre eine Alternative gewesen, die die Veranstalter offensichtlich nicht in Betracht gezogen hatten. Die Ortswahl auf die Nähe zum beworbenen Objekt selbst zu schieben, schien fernab offensichtlicher Argumente wie ein höhnischer Scherz. Aber gut, was lässt man für Freunde nicht alles über sich ergehen. Es war schließlich unvernünftiger Donnerstag, in Kreuzberg kurz mit UVD kodiert, um Missverständnissen mit holländischen Touristen und/oder Arbeitgebern bzw. dem eigenen Terminplaner vorzubeugen.

Anyhow, nach einem kurzen Stelldichein mit den Werbenden und Mustafa, musste ich feststellen, dass nur Letzterer zu wissen schien, wie das Event inklusive Pressekonferenz zu bewältigen war. Erstmal 2 Espressi, der Rest Impro. Der Plan stand also, das Wetter über Schöneberg zog langsam zu, ergo rein ins Kino. Der Mate war zwar leer, die mir angebotene Latte lehnte ich aufgrund ideologischer Überzeugungen und eines nervösen Zuckens am linken Augenlid trotzdem dankend ab. Dies sollte sich kurze (lange) Zeit später als Fehler heruasstellen, da die Kulturschaffenden sich standesgemäß Zeit ließen.

Anyhow, mit ca. 30 Minuten Verspätung ging es los, plötzlich, unerwartet, alle vorigen Bedenken schonungslos bei Seite wischend. Ein Feuerwerk der Gefühle brach über mir herein, warme Bilder von zufriedenen Menschen, die Glück und Nachhaltigkeit versprachen, die einem vermeintlichen Plagiator wie Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg warm ums Herz hätten werden lassen (falls Baron im nächsten Monat in Kreuzberg ins Kino zu gehen pflegen, tut es das sogar vielleicht noch). Ich sackte in meinen Sessel, erschöpft, all mein Serotonin war verschossen, aber dann: noch eine Runde. 40 Sekunden Leidenschaft, Identifikation mit dem Beruf, Kreuzberger Realness, scharf. Danach: tosender Applaus, eine Welle der Begeisterung, Menschen, die nur noch von den Stuhlreihen vor ihnen zu halten waren, ältere Damen mit Tränen in den Augen, vor Hunger kreischende Teenies.

Anyhow, die Hauptverantwortlichen genossen ihr Bad in der Menge (die Pressekonferenz) nach der Vorstellung sichtlich, große Sätze wie “Ohne euch würde es keinen Döner geben!”, “Wir wollen, dass Döner euch wieder Spaß macht!” und “Der beste Moment nach meiner Geburt!” fielen und die inzwischen gelöste Stimmung ließ vergessen, wie widerwillig ich mein natürliches Habitat verlassen hatte. Einzig eine Redakteurin der Taz trübte die Stimmung, indem sie die Sinnfrage stellte. Keine Zeit, die Meute wollte jetzt Döner. Alle Beteiligten wussten, dass dies vielleicht ihre letzte Chance war, bei Mustafa ein Endprodukt zu ergattern, bevor dieses gut behütete Geheimnis neben dem Waschsalon einen Bekanntheitsgrad erreicht, der die Schlange vor dem Etablissement auf eine Größe katapultiert, die den meisten von uns bis dato maximal vom Erwerb eines beliebigen Apple-Produkts bekannt war. Unser aller Freund World Fame stand bereits Gneisenau, Ecke Yorckstraße.

 

Disclaimer: Der Autor ist befangen und lässt sich in regelmäßigen Abständen von Mitarbeitern einer Kreuzberger Werbeagentur mit Sach- und Trinkgeschenken aushalten.

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