Monatsarchiv für April 2012

Text: Das Problem der Urheber oder Malen nach Zahlen

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Vielleicht haben ja doch alle Recht: Ein Versuch, mit Stift und iPad zu skizzieren, warum es ganz verständlich ist, dass “die Urheber” meckern. Und Schuldzuweisungen trotzdem falsch sind

 

Immer wieder liest man dieser Tage Artikel, in denen es heißt, den Urhebern ginge es heute schlechter als “damals”, in den goldenen Zeiten der Kreativbranchen. Außerdem hört man Majorlabels und große Zeitungsverlage klagen, sie würden durch Copyrightverletzungen enorme Summen verlieren, ihre Umsätze daher bestenfalls stagnieren. Dann wieder heißt es anderswo, das wäre alles Quatsch, schließlich sei das Umsatz-Gesamtvolumen in den jeweiligen Branchen gestiegen. Des Weiteren wären Verluste durch Copyrightvergehen nicht 1-zu-1 in entgangene Umsätze umzurechnen. Häufig schießt einem bei all diesen Statements eines durch den Kopf: so so.

Nehmen wir einmal an, alle hätten Recht. Geht nicht? Geht vielleicht doch, es schadet vielleicht nicht mal so zu denken. Mit dieser Annahme lässt sich unter Umständen sogar besser erklären, was wirklich seit dem exogenen Schock “Internet” in den betroffenen Branchen passiert ist.

Stellen wir uns also einen Markt in einem vereinfachten Modell vor, als Pyramide, an deren Spitze die Topverdiener stehen und deren Basis sich aus den Urhebern speist, die eher weniger vom Kuchen abbekommen. Die Breite der Pyramide definiert sich durch die Anzahl der Urheber, die Höhe durch die Einkommen der Topverdiener. Die Fläche der Pyramide bestimmt naturgemäß den Gesamtumsatz der jeweiligen Branche.

Diese Pyramide (ABC) war vor vielleicht 15 Jahren noch sehr steil und spitz. Es gab in der Masse wenig Urheber, eine kleine Elite verdiente eine Menge Geld. Heute ist die Pyramide (A’B’C’) sehr breit und flach. Es gibt eine schier endlose Menge an Urhebern und wenige(r) Topverdiener. Außerdem ist der Durchschnittslohn gefallen.

Natürlich simplifiziert dieses Bild die Wirklichkeit – nicht zuletzt auch aufgrund der eigenen Zeichenkünste. Es hilft jedoch vielleicht dabei zu begreifen, warum die ehemaligen Spitzenprofiteure genauso meckern wie der Ottonormalurheber – und die breite Masse trotzdem profitiert.

Aber Schritt für Schritt: Die Verschiebung von A nach A’ und B nach B’ findet statt, weil Herrschaftswissen (<3) nicht mehr monopolisiert, sondern mehr und mehr vergesellschaftet wird. Clay Shirky sagte vor kurzem “Publishing is not a Job anymore, it’s a Button”. Was er damit zum Ausdruck bringt, ist, dass Technik, die früher nur wenigen zur Verfügung stand, heute fast jedem zugänglich ist. Jeder kann sein eigener Verleger sein, sein Blog schreiben, Texte veröffentlichen. Das Gleiche gilt für Musik, für Kunst, für alle Kreativbereiche. Wenn jeder Urheber sein kann, steigt zwangsläufig die Menge an Urhebern. Dies spiegelt sich in der breiteren Basis des Dreiecks A’B’C’ wieder.

Anders verhält es sich mit dem Geldbeutel. Die Menge an Geld, die für Kreativarbeit ausgegeben wird, bleibt die gleiche (ABC = A’B’C’). Vielleicht ist sie etwas geschrumpft, vielleicht ist sie leicht gestiegen – es handelt sich hierbei um eine statistische Glaubensfrage. Der Effekt jedoch ist in jedem Fall eine Verschiebung von C nach C’.

Warum das so ist, weiß jeder, der seine Gewohnheiten der Neuzeit angepasst hat. Während man damals auf wenige Meinungsführer und Quellen angewiesen war, um seinen eigenen Geschmack zu entwickeln, hat man heute viele. Das Netz ist eine Entdeckungsmaschine. Menschen tauschen sich z.B. in sozialen Netzwerken über Artikel und Blogs aus, die sie lesen, finden via Google die obskursten Beiträge zu den obskursten Themen. Sie teilen ihren Musikgeschmack z.B. via last.fm – oder direkt in Filesharing-Netzwerken – und lesen womöglich lieber Pitchfork, eine Webseite, als den Musikexpress, ein Magazin.

Radio, Zeitungen oder Fernsehen, all diese Medien zeichnet aus, dass sie begrenzt sind bzw. waren. Sei es durch Sendezeit oder Anschläge, am Ende blieb selten mehr Raum als für den Mainstream, der dadurch jahrelang übervorteilt wurde. Er stand durch diese Begrenzung im Mittelpunkt des Konsumenteninteresses. Das hat sich grundlegend verändert. Das Internet bietet mannigfaltige Möglichkeiten, um anderswo zu konsumieren, als uns der Frontalunterricht vergangener Tage weismachen wollte. Das Netz hat keine zeitliche Begrenzung, auch ist es nicht irgendwann voll. Wenn wir wollen, können wir uns also all die Dinge anschauen, die es (damals) nicht ins Radio, ins Fernsehen oder in die Zeitungen geschafft haben und uns überlegen, ob das nicht vielleicht eher das ist, was interessiert.

Unser Geschmack, unser Konsum ist dadurch breiter geworden, hat sich aufgefächert. Dieser Umstand ist für die entsprechende Branchen viel gravierender als die Frage danach, ob für das Werk bezahlt oder nicht bezahlt wurde. Wir splitten unabhängig davon entsprechend dieser neuen Präferenzen Aufmerksamkeit und gleichermaßen real verfügbares Budget auf. Es wäre befremdlich, wenn jemand erzählen würde, sein Repertoire an Nachrichtenquellen oder gehörten Bands wäre heute kleiner als – sagen wir – 1995. Wie diese Präferenzverschiebung entstand – legal oder illegal – ist im Grunde irrelevant. Entscheidender ist der Effekt – über den allerdings dürften einige zu Recht klagen.

Denn wenn ungleichmäßiger als früher konsumiert wird, muss zwangsläufig auch die verfügbare Menge an Geld auf mehr Erzeuger als früher verteilt werden. Dadurch sinkt vor allem das Einkommen der Mainstreamkünstler und deren Interessenvertretern, die zusätzlich von der elitären Begrenzung, der künstlichen Verknappung der prädigitalen Zeit profitierten.

Aber nicht nur das, auch Ottonormalurheber muss mit weniger Geld auskommen. Der Durchschnittslohn sinkt (Ø nach Ø’). Das zu erklären ist einfach: der gleiche Kuchen wird von mehr Menschen gegessen als früher. Dies ist sozusagen der Preis, den man für die mit dem Internet einhergehende Vergesellschaftung der Produktionsmittel zahlen muss. Nicht verschwiegen werden darf ergo, dass heute schlicht mehr Menschen Geld – wenn auch weniger – mit ihren Werken verdienen als zuvor. VWL1: Was viele können, wird am Markt (!) schlechter vergütet.

Was wir also heute beobachten, sind Branchen, in denen vor allem die “alten” Protagonisten unter dem Wandlungsprozess leiden, während mehr und mehr Erzeuger zumindest ein wenig von diesem profitieren. Gleichzeitig genießt der Konsument mündiger ein weitaus größeres Spektrum an Erzeugnissen als dies früher der Fall war. Grund dafür ist eine Freiheit für viele. Es ist an uns selbst zu entscheiden, was sie uns wert ist – und dabei immer im Auge zu behalten, ob es nicht vielleicht mehr die eigenen Verlustängste als Überzeugungen sind, die uns antreiben, wenn wir überlegen, wie die Zukunft auszusehen hat.

Eines steht unterdessen fest: Schuldzuweisungen boten noch nie viel Perspektive für Lösungen, die veränderten Gegebenheiten gerecht werden können.

 

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Dieser Text entstand, weil ich versuchte, meiner Mitbewohnerin grafisch zu erklären, warum es ok ist, dass Hobbyfotografen im Netz genauso erfolgreich sein können wie Leute, “die das gelernt haben” – und die monetäre Entwertung “richtiger Kunst” vor allem ein subjektives Problem ist. Das wiederum ist ebenfalls ein subjektives Werturteil, welches ich oben versuche zu begründen.

Text: Deichkind, Hipster wie du und ich

1997, kurz vor Napster und den damit vermeintlich eingeläuteten Hungerjahren der Musikbranche, gründet sich die Gruppe Deichkind in Bergedorf. Ihre Ursprungskombo besteht aus Malte Pittner, Philipp Grütering und Bartosch “Buddy” Jeznach, die mit ihrer ersten Single Wer bremst das?! zumindest in der lokalen Hiphopszene Aufsehen erregen können. Das Lied selbst postuliert Vorlieben für den Tanzpalast, Opel Monzas und Dolly Busters Busen und skizziert so schon früh, wohin die Reise der Umland-Hamburger gehen soll: aus dem verschlafenen Nest in die abgeranzten Diskotheken der Republik. Wenig später gelingt zusammen mit der Rapperin Nina Tenge der nationale Durchbruch: Bon Voyage.
Was folgt ist nicht immer so “bon” wie gedacht. Zwar landet die Band kommerzielle Achtungserfolge und erfreut sich dank des lyrischen Charmes eines intellektuellen Truckdrivers und der bei Langspielern mit viel Hingabe gepflegten Vorliebe für lokalpatriotisch verkniffene Einspieler zwischen den Liedern hoher Beliebtheit, doch kurz nach einem ambivalenten Auftritt bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest ist für Pittner wegen “privater Streitigkeiten” Schluss. Später kommt er bei Olli Dietrichs Countryband Texas Lightning unter.
Um dem trennungsbedingten Seelenkater entgegen zu wirken, wählt die Band, bei Live-Auftritten verstärkt von Henning “DJ Phono” Besser, das Konterbier und fängt an, die eigenen Bühnenshows in ekstatische Festivals des Schmutz zu verwandeln: Laserblitze, Neonfarben, Plastiksäcke, wabernde Bierbäuche, Sektduschen, Duct Tape, stagedivende Sofas. Es geht einiges. Unterstützt werden sie dabei immer öfter vom ehemaligen Schulfreund und Dauer-Roadie Sebastian “Porky” Dürre sowie Sascha “Ferris MC” Reimann, dessen ergebnisorientierte Aufnahme ins Programm man vorsichtig als halbseidenen Resozialisierungsversuch bezeichnen kann. Das funktioniert deutschlandweit. Außer für Jeznach, vorletztes Mitglied der ersten Stunde, der den Dienst quittiert, um – so heißt es auf der Homepage der Deichkinder – nicht den “Papillon bei der Entfaltung” zu behindern.
Der augenzwinkernde, jugendliche Vorstadtjunge-trifft-auf-Großstadt-Hiphop ist peu a peu einem vermeintlich sinnentleerten Tech-Rap gewichen, der als trashiges Gesamtkunstwerk ungezügelt dem verfeierten Prekariat urbaner Subkultur huldigt. Deichkind ist, glaubt man den jüngsten Verkaufszahlen, auf diesem Weg gesellschaftsfähig geworden – nur eben nicht so, wie es sich Kristina Schröder vorstellt.
Der Grund dafür ist ein feines Gespür für den Zeitgeist. Zwar ist die Band im weitesten Sinne kulturschaffend, jedoch dürfte es keine Probleme bereiten, sie irgendwo innerhalb der drei Definitionen anzusiedeln, die Mark Greif in seiner transatlantischen Diskussion anbietet, um den Hipster, die Vorfront des konsumierenden Mainstream, zu beschreiben. Die Grenze zwischen Produkt und Konsument, zwischen Band und Publikum, verschwimmt ohnedem zusehends, was sich nicht nur in den übergreifenden Liveshows oder der Fluktuation des Personals widerspiegelt. Wer Deichkind sagt, meint schon lange nicht mehr “Malte, Buddy und Philip”, die Band, das Personal, sondern die Partys, das gemeinsame Lebensgefühl, das Phänomen. Für die trendbewusste neue Bohème jedenfalls gehört es zum guten Ton, einen Konzertbesuch in der Vita verzeichnen zu können. Falls es denn eines Lebenslaufes bedarf, denn, so postuliert die Band einvernehmlich mit dem Publikum: Arbeit nervt.
Ebenso einvernehmlich fällt das Urteil bezüglich der GEMA-Sperrungen auf YouTube aus, die heute, nach einer längeren Schaffenspause – nicht zuletzt durch den Tod des Produzenten Sebastian Hackert bedingt – im Speziellen die neuen Videos der Band und im Allgemeinen Deutschlands Musikfans betreffen. Diese konsumieren nach dem schleichenden Niedergang des hiesigen Musikfernsehens zunehmend im Netz, treffen dort jedoch vermehrt auf die Stoppschilder einer anachronistischen alten Bekannten, der GEMA.
Auf Deichkinds Facebook-Fanpage heißt es dazu: “Ob Plattenfirma, YouTube oder GEMA, egal wer dafür verantwortlich ist. Wir wollen, dass unsere Videos zu sehen sind. Regelt euren Scheiß jetzt endlich mal und macht eure Hausaufgaben. Ihr seid Evolutionsbremsen und nervt uns alle gewaltig.” Sie treffen damit den Nagel auf den Kopf und sprechen den Teilen der “Netzgemeinde” aus der Seele, die es mehr interessiert, dass als warum etwas funktioniert.
Es ist zwar ebenfalls recht und billig, darauf hinzuweisen, dass Mitglieder der Band selbst bei der GEMA gemeldet sind und auch das eigene Label Universal seine Hände kaum in Unschuld waschen kann, die Deichkinder also Teil des Problems sind, nur hilft es nicht, den schwarzen Peter endlos zirkulieren zu lassen. Erst recht falsch aufgehoben ist er aber bei einer Band, die erfrischende Schwierigkeiten damit zu haben scheint, sich vom eigenen Publikum abzugrenzen. Dies wird ein weiteres Mal deutlich, wenn die Mitglieder auf ihrem neuen Langspieler sich selbst als Illegale Fans bezeichnen. Letztere bedienen sich – so die schmerzhafte Erkenntnis der letzten Jahre – anderweitig, solange die Musik- und Verwertungsindustrie keine den Zeiten angepassten Geschäftsmodelle entwickeln.
Damit machen sich die Deichkinder erneut mit einem modernen Konsumenten gemein, der nicht bereit ist, darauf zu warten, dass die prädigitale Welt im neuen Jahrtausend ankommt, geschweige denn, sich in ein veraltetes Korsett pressen zu lassen. Dem gegenläufig wird jetzt jedoch am 20. April am Landgericht Hamburg entschieden, ob YouTube auch wirklich genug Videos sperrt.
Deichkinds Erfolg hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sie mit dem antiquierten, paternalistischen Frontalunterricht der übrigen Bands gebrochen haben. Das ist kein Zufall. Es sind Hipster wie du und ich, rebellische Konsumenten, wie Mark Greif sie nennt, Vorboten der Zukunft. Mit ihren Worten: Hört ihr die Signale?

 

Dieser Text ist in redigierter Fassung im Freitag erschienen. Das Bild schoss Daniel Josefsohn im Rio