Monatsarchiv für Oktober 2011

“Nachlässig, ignorant und hochtrabend”

In einer Welt, deren Maxime “Permanent Beta” heißt, bleiben Menschen, Märkte und Machtstrukturen auf der Strecke. Das stresst, ist aber unvermeidlich

Die FAZ druckte unlängst eine übersetzte Fassung der Kritik, die Evgeny Morozov an Jeff Jarvis neuem Buch “Public Parts” anbrachte. Der Beweggrund dieses Textes ist allerdings nicht der Inhalt der Morozov’schen Kritik – wobei ich nicht in Abrede stellen möchte, dass es sich um ein interessantes Stück handelt, nur soll es eben hier nicht eingehend behandelt werden -, sondern deren Stoßrichtung selbst: der Umstand also, dass mit Morozov ein selbsternannter Netzskeptiker einen der stärksten Befürworter des Internets, Jeff Jarvis, scharf angreift und damit eine neuerliches “You’re either with us, or against us” heraufbeschwört. Ein weiteres Kapitel eines fortwährenden Kampfes von Bewahrern und Reformern zieht natürlich immer. Dabei ist der Zug längst abgefahren.

Bereits im frühen 19. Jahrhundet begann nämlich die Erfolgsgeschichte der Eisenbahn. Gleise wurden gelegt, Monopole errichtet, Chancen genutzt, die Mobilität erhöht, Kriege und Scharmützel geführt und Regionen “entdeckt”, von denen im Osten bis dato nie jemand gehört hatte. Auch damals gab es Glücksritter und eben jene, die auf einen möglichen Glücksfund im Westen gerne verzichtet hätten, würde nur alles so bleiben wie bisher. Es sollte – wenn auch nicht schmerzfrei – anders kommen.

Wir aber stecken heute noch mitten in unserer Erfolgsgeschichte, sind sozusagen live dabei: Zivilisatorischer Fortschritt in der ersten Reihe, mit Popcorn und allem, was das Herz begehrt. Dabei hat aber das Neue, das den einen Angst macht und den anderen Freude bereitet, nicht nur mit Datenschutz, Post-Privacy und Netzneutralität zu tun. Das alles sind Episoden auf einer langen Reise, die anders als die Eisenbahn (mehr oder minder) kein Ende finden wird. Denn das Netz selbst ist der Fortschritt im Fortschritt, es produziert ihn immer wieder. Auf den nächsten Halt müssen wir nicht mehr warten, wir passieren ihn bereits.

Das Rezept hierfür (und für einige andere Dinge) heißt “Permanent Beta”, eine Entwicklung, die keine “Final”, also kein Endstadium kennt. Alles wird ständig und unaufhörlich weiterentwickelt, nichts wird fertig, alles muss über den Haufen geworfen (zumindest aber hinterfragt) werden, sobald es einmal steht. Und: nichts ist “too big too fail”. Dem Internet ist der Wandel immanent. Das aber heißt für das einzelne Individuum, dass auf der eigenen Lernkurve kein Platz mehr ist für Lernplateaus, das Zielniveau, die Ruhepause. Alle diejenigen, die also studiert haben, um ihr Ticket für den Arbeitsmarkt zu lösen, dürfen jetzt enttäuscht sein. Auf den Lorbeeren wird sich niemand mehr dauerhaft ausruhen können, schon gar nicht ewig die Früchte harter Arbeit von anno dazumal ernten. Das ist vorbei, morgen geht es von vorne los. Wer aber des Studierens wegen Student war, darf frohlocken: das geht jetzt immer so weiter. Das Konzept des lebenslangen Lernens mag so alt wie der Mensch selbst sein, nie aber war es so aktuell (und verbreitet) wie heute.

Es verwundert daher nicht, dass die Kritik am Netz (und allem, was damit irgendwie zusammen hängt) häufig in missmutigen Sätzen wie “Damit möchte ich mich einfach nicht auseinandersetzen (müssen)” mündet. So spricht ein Lebensmodell, das sich und den Status Quo zu erhalten sucht. In dieser ablehnenden Haltung manifestiert sich der Unwille, sich grundsätzlich mit Neuem auseinanderzusetzen. Man hat ja schließlich schon genug gelernt. Es ist dabei völlig klar, dass Umschulen ebenso schwer wie die Erkenntnis der Notwendigkeit fällt. Hieraus resultiert bei den Getriebenen Stress auf einer sehr existenziellen Ebene. In etwa so kann man sich die Gefühlslage in der Bergbaubranche vorstellen, als die ersten Zechen schlossen. Niemand der Involvierten wird die damalige Entwicklung für gut befunden haben. Daran ist auch nichts falsch. Nur darf man sich heute nicht mehr beschweren, wenn einem die Felle davonschwimmen. Denn das Aufholen von Verpasstem (“Na gut, es sind ja jetzt alle meiner Freunde bei Facebook.”) bzw. das Erlernen von Neuem ist die Sisyphosarbeit, die das Netz uns auferlegt und in Zukunft in steigender Frequenz immer wieder auferlegen wird.

Im Gegensatz zum Planeten (oder bescheidener: zum wilden Westen) ist im Internet immer Platz für neue Schienen und damit neue Glücksfunde, Herausforderungen und Ideen. Es wird nie vollständig erschlossen sein und umspannt trotzdem den gesamten Globus. Der Entdeckungsprozess wird nie enden. Schon jetzt breitet sich das Netz ferner schneller aus, als es den meisten, vor allem aber auch den Nationalstaaten und ihren Institutionen, lieb sein kann. Denn genau wie das getriebene Individuum befinden auch diese sich im Stress, der nach der Prokrastination kommt.

Anders ist nicht zu erklären, dass es kein Gegengewicht gibt zu einem simplen “Don’t be evil!” und dem darin enthaltenen Glaubensbekenntnis, das der heranreifenden Wissensgesellschaft abverlangt wird. Dieser Spruch soll uns versichern, dass Firmen wie Google – aber auch Facebook, Amazon oder Ebay –, die uns die digitale Öffentlichkeit global zur Verfügung stellen, im Netzbürger mehr sehen als den simplen Kunden einer privaten Firma. Uns die Rechte einzuräumen, zu garantieren, die einen öffentlichen Raum zu einem wirklichen Raum der Öffentlichkeit machen, steht und fällt momentan mit den Interessen kommerziell operierender Unternehmen, nicht aber mit denen einer internationalen Institution, die den modernen Global Playern entgegen steht. Auch diese vermeintliche Hilflosigkeit ist ein Quell des immer wieder aufbrandenden Misstrauens, der Skepsis gegenüber dem Netz generell. Und selbst wer gläubig ist, wird erkennen müssen, dass unsere Altvorderen die Geister, die sie riefen (Globalisierung, on- und offline), gar nicht in der Lage sind zu kontrollieren (geschweige denn zu verstehen), solange sie es sich in der Kleinbürgerlichkeit des Nationalstaats gemütlich machen.

Statt aber groß zu denken und Weitblick zu beweisen, sich auf Veränderung einzustellen, kümmert man sich um die schönen – also die alten, liebgewonnenen, vertrauten – Dinge des Lebens und versucht mit allerlei modernen Kohlepfennigen (z.B. dem Leistungsschutzrecht), die unter dem Druck des Wandels schwächelnden nationalen Industrien auf Pump (VWL 1: “Der Irrsinn heute ist der Verzicht morgen”) am Leben zu erhalten, während die neuen digitalen Industrien eine internationale Wirklichkeit schaffen, die Strukturen, Regeln und Abkommen der alten Welt überholt, teilweise ad absurdum führt. Ohne Nachhilfeunterricht wird das nichts.

Es ist also kein Wunder, dass sich selbst in der Politik eine leise Sehnsucht nach Verjüngung breit macht. Jugend, so scheint es, ist der Schlüssel zum Problem, auch wenn sich in der Umsetzung häufig noch der Eindruck eines Escortservice aufdrängt. Wer jung ist, will im besten Fall lernen, ist neugierig und hat noch die Art von Visionen, wegen denen Altbundeskanzler Helmut Schmidt zum Arzt gegangen wäre. Berufsjugendlichkeit ist sozusagen der Soft Skill der Stunde, auf dem Weg steil nach oben im CV. Es überrascht daher wenig, dass das Netz voll ist, von Dingen, die auf den ersten Blick wenig Sinn ergeben, sich ausprobieren wollen und häufig kindisch anmuten. Es ist eine riesige Spielwiese, auf der nicht wenige sich eine blutige Nase holen, die Begeisterung jedoch selten verloren geht.

Ernst Barlach sagte einst, es sei das Vorrecht der Jugend, Fehler zu begehen. Aus letzteren, so heißt es gemeinhin, lerne man am Besten. An diesem Punkt befinden wir uns wieder beim “Elend der Internetintellektuellen”, die Morozov als “nachlässig, ignorant und hochtrabend” beschreibt. Auch, wenn die betroffenen Seiten es in den seltensten Fällen wissen, so ist es im Grunde das größte Kompliment, das man einem Jugendlichen machen kann.

 

Dieser Text wurde durch einen Post von Marcel Weiß angeregt. Kopien des Textes befinden sich außerdem auf Freitag.de und Google+. Das Bild stammt von Swami Stream.

Video: Duck Sauce | Big Bad Wolf #NSFW

Duck Sauce | Big Bad Wolf

WTF?!?! <3

Kinospot: Mustafa’s Gemüsekebap | Davor steh ich mit meinem Namen

 

Berlin – Am Donnerstag, den 20. Oktober, eröffnete das Yorck-Kino zu Kreuzberg 61 seine Pforten, um einem ausgewählten Publikum aus Presse, Freunden und Liebhabern des Drehspießes den brandneuen Kinospot für Mustafa’s Gemüsekebap zu kredenzen. Mich selbst kostete es einiges an Überwindung, 36 zu verlassen und mich zu unchristlichen Zeiten vom Halleschen Tor aus in Richtung Schöneberg zu begeben. Für das Babylon hatte es offensichtlich nicht gereicht, auch das Neue Off wäre eine Alternative gewesen, die die Veranstalter offensichtlich nicht in Betracht gezogen hatten. Die Ortswahl auf die Nähe zum beworbenen Objekt selbst zu schieben, schien fernab offensichtlicher Argumente wie ein höhnischer Scherz. Aber gut, was lässt man für Freunde nicht alles über sich ergehen. Es war schließlich unvernünftiger Donnerstag, in Kreuzberg kurz mit UVD kodiert, um Missverständnissen mit holländischen Touristen und/oder Arbeitgebern bzw. dem eigenen Terminplaner vorzubeugen.

Anyhow, nach einem kurzen Stelldichein mit den Werbenden und Mustafa, musste ich feststellen, dass nur Letzterer zu wissen schien, wie das Event inklusive Pressekonferenz zu bewältigen war. Erstmal 2 Espressi, der Rest Impro. Der Plan stand also, das Wetter über Schöneberg zog langsam zu, ergo rein ins Kino. Der Mate war zwar leer, die mir angebotene Latte lehnte ich aufgrund ideologischer Überzeugungen und eines nervösen Zuckens am linken Augenlid trotzdem dankend ab. Dies sollte sich kurze (lange) Zeit später als Fehler heruasstellen, da die Kulturschaffenden sich standesgemäß Zeit ließen.

Anyhow, mit ca. 30 Minuten Verspätung ging es los, plötzlich, unerwartet, alle vorigen Bedenken schonungslos bei Seite wischend. Ein Feuerwerk der Gefühle brach über mir herein, warme Bilder von zufriedenen Menschen, die Glück und Nachhaltigkeit versprachen, die einem vermeintlichen Plagiator wie Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg warm ums Herz hätten werden lassen (falls Baron im nächsten Monat in Kreuzberg ins Kino zu gehen pflegen, tut es das sogar vielleicht noch). Ich sackte in meinen Sessel, erschöpft, all mein Serotonin war verschossen, aber dann: noch eine Runde. 40 Sekunden Leidenschaft, Identifikation mit dem Beruf, Kreuzberger Realness, scharf. Danach: tosender Applaus, eine Welle der Begeisterung, Menschen, die nur noch von den Stuhlreihen vor ihnen zu halten waren, ältere Damen mit Tränen in den Augen, vor Hunger kreischende Teenies.

Anyhow, die Hauptverantwortlichen genossen ihr Bad in der Menge (die Pressekonferenz) nach der Vorstellung sichtlich, große Sätze wie “Ohne euch würde es keinen Döner geben!”, “Wir wollen, dass Döner euch wieder Spaß macht!” und “Der beste Moment nach meiner Geburt!” fielen und die inzwischen gelöste Stimmung ließ vergessen, wie widerwillig ich mein natürliches Habitat verlassen hatte. Einzig eine Redakteurin der Taz trübte die Stimmung, indem sie die Sinnfrage stellte. Keine Zeit, die Meute wollte jetzt Döner. Alle Beteiligten wussten, dass dies vielleicht ihre letzte Chance war, bei Mustafa ein Endprodukt zu ergattern, bevor dieses gut behütete Geheimnis neben dem Waschsalon einen Bekanntheitsgrad erreicht, der die Schlange vor dem Etablissement auf eine Größe katapultiert, die den meisten von uns bis dato maximal vom Erwerb eines beliebigen Apple-Produkts bekannt war. Unser aller Freund World Fame stand bereits Gneisenau, Ecke Yorckstraße.

 

Disclaimer: Der Autor ist befangen und lässt sich in regelmäßigen Abständen von Mitarbeitern einer Kreuzberger Werbeagentur mit Sach- und Trinkgeschenken aushalten.

Video: DyE | Fantasy #NSFW

DyE | Fantasy

kthxbai.

Perins alter Clip zu Trucker’s Delight von Flairs. Der Track gondelte auch mal auf Knicken.

Doku: Phoenix | Wolfgang Amadeus Phoenix (Arte)

Phoenix | Wolfgang Amadeus Phoenix

Am 31. Januar 2010 gewann die Band für ihr Album “Wolfgang Amadeus Phoenix” den auf dem Gebiet der Musik mit dem Oscar vergleichbaren Grammy Award in der Kategorie “Best Alternative Rock Album”. Seitdem gewinnt sie immer weitere Publikumskreise für sich.
Wie konnte eine kleine französische Band, die an die “French Touch”-Bewegung vom Ende der 90er Jahre anknüpft, in wenigen Jahren ein so großes Publikum erobern und bei der weltweit bedeutendsten Musikpreisverleihung sogar Größen wie David Byrne und Brian Eno, Death Cab for Cutie, Depeche Mode und die Yeah Yeah Yeahs ausstechen?
Die Welttournee der Band begann am 20. Mai 2009 auf dem “Spex-Live”-Festival im Berliner Technoclub Berghain. In kurzer Zeit waren sämtliche Plätze für die ursprünglich 60 geplanten Vorstellungen ausverkauft.
Nach Auftritten in Deutschland, Frankreich, Belgien, England und Schweden ging die Tournee am 13. Juni in Chicago in den USA weiter. Dort erregte sie großes Aufsehen. Von Anfang an wetteiferten die amerikanischen Medien miteinander, die “Frenchies” als Erste vorzustellen. Phoenix war überall zu sehen und zu hören: In der äußerst populären Comedy-Show “Saturday Night Live” auf NBC, in der “Late Show with David Letterman” auf CBS, in den Morgenformaten und den People-Sendungen des Vorabendprogramms.
Innerhalb von drei Wochen übertrafen die Verkäufe des neuen Phoenix-Albums alle Erwartungen.
Während die Schallplattenindustrie vor großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und einer ungewissen Zukunft steht, ist Phoenix – neben zahlreichen anderen Indie-Bands – dabei, die Musikwelt von Grund auf zu verändern. Nach dem Modell von Bands wie Radiohead haben die Phoenix-Mitglieder ihren Vertrag mit einem Major nicht verlängert, sondern ihr letztes Album selbst produziert. Den Vertrieb vergaben sie an spezielle, von Land zu Land unterschiedliche Firmen.
Der Film begleitet die Band bei ihrer fast einjährigen Tournee von Bühne zu Bühne – insgesamt knapp hundert – quer durch die Welt. Er wirft einen Blick hinter die Kulissen, zeigt die langen Busfahrten zwischen den Auftritten, die Ausarbeitung der Setlists und die Gespräche mit dem Manager zur Vorbereitung der Fernseh- und Radiowerbung für die Konzerte. So kann der Zuschauer alle Stationen dieses musikalischen Abenteuers der Band miterleben.

Via Arte