Monatsarchiv für Januar 2010

black, the colour of my heart

Monarchy ist der goldene Grund sich aus dem Berliner Modetrubel wieder tief in das Dickicht der Musikblogs zu schleichen und die Perlen auf der eigenen Wiese zu sähen.

monarchy – black, the colour of my heart

Für den Download husch husch rüber zu Neon Gold.

the old fashioned way

model at strenesse blue, photo by trevor from good & up

24 Stunden nachdem die Mercedes-Benz-Fashion Week am Samstagabend mit der Modenschau der dänischen Designerin Stine Goya einen Abschluss fand, spannt sich das Zelt des Modezirkus noch immer fest über die Hauptstadt. Keine Zeitung verzichtet auf Berichte über die Berliner Modewoche, die zahlreich angereisten Blogger finden am Morgen die Muße, die Mode des kommenden Winters zu kommentieren; Streetstyle-Fotografen jagen auf dem Flohmarkt im Mauerpark den Stil Berlins in der Kälte. Die Boutiquen der jungen Avantgarde-Designer öffnen ihre Show Rooms am Ruhetag für den Verkauf; kurz vor der Abreise schlendern die Mode-Touristen durch die Retrospektive des Modefotografen F.C. Gundlach im Martin-Gropius-Bau.

Die Modewoche, deren großes Show-Zelt seit 2007 in Berlin aufgeschlagen wird, ist in diesem Jahr im Schoß der Stadt angekommen. Die Schauen am Bebelplatz werden ergänzt durch die Verkaufsmessen Bread & Butter, Premium und THEKEY.TO, eine Plattform für „grüne“ Mode. Zahlreiche junge Modeschöpfer laden zu eigenen Präsentationen in kleinem Rahmen ein. Über 100 verschiedene Veranstaltungen haben seit Mitte der Woche das Modepublikum aus ganz Deutschland angezogen und streuen sich quer durch die Stadt. Das rege Treiben der kreativen Schneiderkunst erfreut jedoch nicht jeden Berliner. Eine Petition von Bürgern wehrte sich gegen das Zelt auf dem Bebelplatz und verwies auf seine Rolle als Ort des Gedenkens an die Bücherverbrennung 1933 durch die Nazis. Die ausrichtende Agentur IMG ist nun auf Suche nach einem neuen Veranstaltungsort. Denn der Petitionsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses empfiehlt, „die Nutzung des Bebelplatzes nur zuzulassen, wenn ein würdevoller Umgang mit dem Mahnmal gewährleistet ist.“ Die Fashionweek fällt aus Sicht der Petenten unter eine nichtkulturelle „Halli Galli“-Veranstaltung.

Doch die Berliner Modewoche nicht als Teil der Kulturszene zu begreifen, verkennt ihren künstlerischen Anspruch, den sie allmählich entfaltet. Das erste Mal gab es in diesem Jahr eine gemeinsame Show von neun Avantgarde-Designern, die ihre Kollektionen im ehemaligen ungarischen Kulturzentrum vorstellten. Frank Schröder, der über sein Blog „I heart Berlin“ erste Kontakte zu Designern knüpfte, hatte die Idee zu “Designerscouts” nach dem er im Rahmen der London Fashion Week die „Vauxhall Fashion Scouts“ besuchte. Die Show am Donnerstagabend verknüpfte Mode, Kunst, Musik und Netzkultur zu weitaus mehr als einer „Modeparty“, wie ein Protestplakat am Mahnmal des Künstlers Micha Ullmann titelte.

devon aoki, photo by katja hentschel

Auch im Zelt am Bebelplatz suchten die Designer die Nähe zu anderen Formen der Kunst. Die Designerin Andrea Karg vom Label Allude arbeitete für ihre Show mit dem Lyriker Albert Ostermaier zusammen. Seine eigens für die Kollektion geschriebenen Texte wurden von Schauspieler Axel Milberg eingelesen und untermalten die Show. Patrick Mohr, der in der letzten Saison seine Entwürfe von Obdachlosen auf dem Laufsteg zeigen ließ, schickte dieses Mal wieder Models abseits der Norm auf den Catwalk: mit Bodybuildern und Frauen mit extremen Silikonbrüsten stellte der Münchner eine Spielart der Körperkunst noch vor seine eigene Mode.

Obgleich Patrick Mohr als Enfant Terrible der deutschen Designer einmal wieder die gesitteten Laufstege am Bebelplatz aufmischte, reicht diese Art der Provokation nicht aus, um ein internationales Fachpublikum zu locken. Suzy Menkes, die Koryphäe der Modekritiker vom International Herald Tribune, kehrte nach ihrem erstmaligen Besuch im vergangenen Sommer nicht an den Bebelplatz zurück. Die Bloggerin Mary Scherpe jedoch organisierte die virtuelle Teilnahme der renommierten Journalistin. Sie hatte Suzy Menkes kurz zuvor in Paris besucht und für die Panel-Diskussion „Fashion Blogs – Hype or Future“ interviewt. Nach dem Eingangsstatement von Suzy Menkes diskutierten Blogger und Journalisten mit den knapp 250 Gästen. Suzy Menkes äußerte sich begeistert über die Veränderungen, die sich innerhalb der Mode durch das Social Web ergeben haben: „Mode ist zu einem Dialog geworden – das wird sich nicht mehr ändern, so bleibt es für immer.“

Die Modebranche hat sich tatsächlich konsequent für enthusiastische Nachwuchskritiker geöffnet, deren Einschätzungen Designer auch in Paris und London so große Bedeutung beimessen, dass Modeblogger die Präsentationen kommender Trends von der ersten Reihe aus erleben dürfen. Die kriselnde Musikmesse Popkomm hat in den letzten Jahren Bloggern den Zutritt verwehrt; die Mode-Events in Berlin akkreditieren sie selbstverständlich. Designer laden sie ein hinter die Kulissen der Schauen, Strenesse Blue engagierte Julia und Jessie von Les Mads für eine Live-Berichterstattung über Twitter, die Michalsky StyleNite bot den Zuschauern, die keine Einladung ergattert hatten, einen Video-Livestream im Netz. Schon wenige Stunden nachdem die Kreationen den Laufsteg verlassen haben, beginnt der Dialog. Die Arbeit der Online-Kritiker trägt dazu bei, die Berliner Modewoche über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu machen.

Dass die Modewoche in Berlin nach wie vor um Legitimation als kulturelle Veranstaltung kämpfen muss, hat mehrere Gründe: aufgrund fehlender international etablierter Modeschöpfer ist das Berliner Aufgebot für das Herz der Modekritik ein Nice to have, aber kein Pflichttermin. Das Befüllen der Rängen mit C-Prominenten kratzt an der Ernsthaftigkeit der Veranstaltung, hält kulturelle Meinungsführer von der Teilnahme ab und befördert die Tendenz der Berichterstattung, sich anstelle von Mode auf Klatsch zu fokussieren. Mitunter bestärken die Designer die personenzentrierte Wahrnehmung selbst: Michael Michalskys StyleNite glich einer abgehobenen Hommage an die eigene Person, die eine triste Kollektion nicht zu stützen wusste; Lena Hoschek las anstatt über ihre Kleider nur über das Stolpern des ProSieben-Topmodels Barbara Meier, das auf ihrem Laufsteg die Schuhe verloren hatte. Der einstige Medienliebling der Modenschauen, Klaus Wowereit, hatte sich derweil im Zelt der Mercedes-Benz Fashion Week angenehm zurückgehalten. Die einzige Besucherin aus der Bundespolitik war Grünen-Politikerin Claudia Roth, die stolz erzählte, die Grünen hätten “das schnöde Grau im Bundestag durchbrochen“. In der Vergangenheit hat Claudia Roth immer wieder durch modischen Mut und Roben des Luxus-Labels Escada geglänzt und irritiert. Ein ebenso beherztes Verwerfen der Konventionen könnte nun der nächsten Fashion Week zu mehr Relevanz verhelfen: dies würde in erster Linie bedeuten, die Mode allein als Stargast zu laden.

Dieser Artikel ist zuerst the old fashioned way gedruckt auf Papier erschienen im Freitag.

Für mein Mode- & Mädchenblog flannel apparel könnt bei Gefallen ihr noch bis Ende des Monats bei der Mädchenmannschaft abstimmen.

Ein Kommentar: 10 Thesen der Musikindustrie gegen die Kulturflatrate

Der Bundesverband Musikindustrie hat ein Papier mit 10 Thesen veröffentlicht. In diesem geht es darum aufzuzeigen, warum die Kulturflatrate ein Irrweg sei.
Netzpolitik schreibt dazu:
In der Einführung heißt es zudem zur Kulturflatrate, dass “niemand genau weiß, was damit genau gemeint ist”. Das eigene Verständnis der Kulturflatrate liefert der Verband allerdings nach: “Gemeint ist mit der Kulturflatrate meist eine Zwangsabgabe auf den Internetzugang, mit der Urheber und Kreative für die illegale Nutzung ihrer Arbeit entlohnt werden sollen.”
Ein Kommentar
1. Die Kulturflatrate ist unfair, weil Verbraucher für etwas bezahlen, was sie gar nicht nutzen.

Heute kann der Konsument nach persönlichen Vorlieben entscheiden, ob er sein Geld lieber für Musik, Filme, Bücher oder andere Kulturprodukte ausgibt. Dabei kann er bereits heute wählen, ob er einen einzelnen Song kaufen möchte oder lieber ein Musikabonnement abschließt. Mit der Kulturflatrate hat das ein Ende. Denn sie ist – ähnlich wie die GEZ – eine Zwangsabgabe, mit der Verbraucher für etwas bezahlen müssen, dass sie unter Umständen gar nicht nutzen.

Die Kulturflatrate ist mehr das Wegentgelt hin zum Kulturgut, zur digitalen Allmende. Eine, die jeder nach eigener Fasson nutzen kann. Es gibt im Internet nicht nur Schafe.

2. Die Kulturflatrate entzieht gerade den neuen digitalen Geschäftsmodellen die ökonomische Basis.


Die Kultur- und Kreativwirtschaft arbeitet mit Hochdruck am Aufbau neuer, digitaler Geschäftsmodelle. Die Kulturflatrate würde diese Anstrengungen torpedieren. Wenn im Internet Musik, Filme oder Bücher bei Zahlung einer Pauschalabgabe ohne Schranken frei verfügbar sind, gibt es für Konsumenten keinen Grund mehr, die bestehenden legalen, kostenpflichtigen Angebote zu nutzen. Die ohnehin schon risikoreichen Investitionen bleiben aus, weil man mit „kostenlos“ nicht konkurrieren kann.
Das ist sicherlich richtig. Aber auch hier würden sich neue Lizensierungs- und Geschäftsmodelle finden. Dass der Markt sich an die Kulturflatrate nicht anpassen würde, ist ein Irrglaube, den Konservative nur zu gern vor sich her schieben, wenn es um den Erhalt des Status Quo geht.

3. Die Kulturflatrate führt zu einer unverhältnismäßig hohen Belastung aller Konsumenten und benachteiligt sozial Schwache.

Mit fortschreitender Digitalisierung und zunehmendem Ausbau der Bandbreiten sind immer mehr Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft vom unrechtmäßigen Gebrauch ihrer Produkte betroffen. Eine Kulturflatrate müsste mittelfristig nicht nur Musik, Filme oder Bücher erfassen, sondern würde alle Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft betreffen. Nach Schätzungen der Bundesjustizministerin kämen auf jeden Verbraucher mit Internetanschluss zusätzliche Kosten in Höhe von 50 Euro pro Monat zu. Gerade sozial Schwache können sich das nicht leisten.

Die Höhe des Zahlbetrags müsste sozial verträglich an Zahlungsbereitschaft bzw. -vermögen angepasst werden. Auch die abstrakte Summe von 50 € ist an dieser Stelle mit Vorsicht zu genießen.

4. Die Kulturflatrate erfordert den Aufbau eines gigantischen Bürokratie- und Verwaltungsapparates.

Ließ sich die Erhebung einer Kulturflatrate noch vergleichsweise einfach organisieren, fangen die Probleme bei der Verteilung der Gelder erst richtig an. Schon heute beschäftigen Verwertungsgesellschaften Heerscharen von Mitarbeitern für die Erfassung, Bewertung und Verteilung von Lizenzeinnahmen. Die Kulturflatrate würde diesen Verwaltungsaufwand gigantisch erhöhen. Während der Kulturflatrate viele attraktive Arbeitsplätze bei Labels, Verlagen oder Filmproduktionen zum Opfer fallen würden, schafft sie gleichzeitig tausend langweilige für die Verwaltung und Verteilung. Schöne neue Kreativarbeitswelt.

Communities wie z.B. Last.fm ließen sich “problemlos” für Datenerhebung nutzen. Gleiches gilt für Youtube, etc pp. Dass Bürokratie in Zeiten der zunehmenden Vernetzung zunähme, ist ein Schluss der Ahnungslosen. Macht man es richtig, wird es zumindest nicht schlimmer als jetzt. Ein Anlass auch über GEMA und Co und deren Verteilungsschlüssel nachzudenken.

5. Die Kulturflatrate verflacht die Kultur.

Bei der Kulturflatrate ist ein Song aus dem Computer genauso viel wert wie Beethovens Neunte, ein Pornofilm das gleiche wie ein cineastisches Meisterwerk und der Groschenroman steht auf einer Ebene mit dem literarischen Klassiker. Weil für die Abrechnung nur die Masse der Downloads zählt, entfällt jeder Anreiz Zeit und Geld in Nischenprodukte zu investieren. Die kulturelle Vielfalt nimmt ab. Die Kultur verflacht.

Gewagte These, die sich nicht halten lässt, da sie nichts Neues postuliert. Das ist jetzt schon so, in “echt”. Ein “Song aus dem Computer” kann mehr wert sein als Beethovens Neunte, wenn die Nachfrage stimmt. Geht man zumindest von der hier postulierten – fragwürdigen – monetären Wertschätzung aus.

6. Die Kulturflatrate nimmt Urhebern und Künstlern das Recht über die Verwendung ihrer Werke selbst zu bestimmen.

Heute können Urheber, Künstler, Autoren und andere Rechteinhaber frei darüber entscheiden, wie und wo ihre Werke und Produkte verwendet werden dürfen. Sind im Internet alle Kulturgüter auch nur für den nicht kommerziellen Gebrauch frei nutzbar, kommt dies einer Enteignung der Rechteinhaber gleich. Denn wenn die Kulturflatrate Sinn haben soll, hat der Konsument keine Möglichkeit mehr zu unterscheiden, was legal und was unter Umständen illegal ist. Dementsprechend kann der Rechteinhaber sich auch nicht mehr dagegen wehren, wenn er nicht will, dass seine Produkte im Netz frei verfügbar sind.

Ein Punkt, dem man nicht ganz widersprechen kann – dem ich nicht widersprechen will, weil die Rechte beim Künstler (!) am besten aufgehoben sind. Wobei de facto schon heute die Kontrolle über Content in dem Moment verloren geht, in dem er das Netz “betritt”. Per Gesetz ließe sich allerdings nicht mal das heutige Dilemma abschalten. Filesharing ist real, der Verlust der Kontrolle ebenfalls, ergo nichts, was erst durch die Kulturflatrate geschaffen würde.

7. Die Kulturflatrate widerspricht den ökonomischen Prinzipien unserer Gesellschaft.


Bestehende, markwirtschaftliche Prinzipien in der Kultur- und Kreativwirtschaft haben eine einzigartige kulturelle Vielfalt hervorgebracht. Wesentlicher Bestandteil einer freien Marktwirtschaft ist, dass der Produzent über die Verwertung seiner Produkte frei entscheiden kann. So kann er beispielsweise über den Preis frei entscheiden. Diese grundlegenden Prinzipien werden durch die Kulturflatrate außer Kraft gesetzt, denn mit der Einführung der Kulturflatrate wird privates geistiges Eigentum zum öffentlichen Gut. Die Kulturflatrate ist die Verstaatlichung der Kultur- und Kreativwirtschaft.
Das ist schlicht weg falsch. Nicht die Kultur und Kreativität wird verstaatlicht, sondern die produzierende Industrie dahinter – wenn man überhaupt von Verstaatlichung sprechen kann. Den Eindruck zu vermitteln, hier ginge gleichzeitig die kreative Vielfalt verloren, ist irreführend. Des Weiteren würde je nach Verteilungsschlüssel immer noch Wettbewerb entstehen. Dass ökonomischen Prinzipien gänzlich widersprochen würde, ist also nicht richtig. Lediglich das Spielfeld würde neu aufgezogen.

8. Die Kulturflatrate verstößt gegen international geltendes Urheberrecht.

Die Kulturflatrate verstößt gegen wesentliche Prinzipien des international geltenden Urheberrechts. Gerade aber weil sie Probleme lösen soll, die erst durch das globale Medium Internet entstanden sind, ist sie als nationaler oder europäischer Alleingang völlig untauglich.

Das mag sein, aber über die Reform eben dessen wird ja gerade gestritten. Ein Münchhausenargument.
9. Die Kulturflatrate führt zu einer Entwertung des geistigen Eigentums.

Durch Flatrates geht beim Konsumenten das Gefühl für den Wert individueller, kreativer Leistung verloren. Was beim Telefonanschluss oder Internetzugang sinnvoll sein mag, taugt nicht als ökonomisches Prinzip zur Erreichung von kulturellen Höchstleistungen.

Der Wert einer kreativen Leistung besteht nicht ausschließlich in deren monetärer Wertschätzung. Anders ließen sich auch Phänomene wie Bloghouse, Photoblogs, Open Source, Creative Commons und Co nicht erklären. Es geht um Fame, den man tatsächlich – und das viel realer – auch ohne Geld bekommen kann. Entwertet wird lediglich der aufgeblähte wirtschaftliche Medienapparat.

10. Die Kulturflatrate wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet.

Die Digitalisierung und das Internet haben die Komplexität des Urheberrechts enorm erhöht. Da erscheint die Kulturflatrate – ähnlich wie die Steuerreform auf dem Bierdeckel – als einfache Lösung einer zunehmend komplexer werdenden Welt. Aber der Schein trügt. Wer soll ihre Höhe festlegen? Wer legt fest, was ein Buch, ein Film, ein Musikstück oder ein Foto wert ist? Wer entscheidet über die Verteilung innerhalb der einzelnen Bereiche der Kreativwirtschaft? Wie soll die Nutzung gemessen werden, ohne beispielsweise den Internetverkehr zu überwachen und damit datenschutzrechtliche Fragen aufzuwerfen? Welche Institution soll die Gelder verteilen? Wie bleiben die Eigentumsrechte der Urheber und Leistungsschutzrechtinhaber gewahrt? Wo sollen in Zukunft die Anreize für Investitionen in junge Talente herkommen? Wer entscheidet darüber wer Künstler und was Kunst ist und wer kein Künstler und was nicht Kunst ist? Wer soll an ihr beteiligt werden, nur die Urheber und Künstler oder auch Labels, Verlage und Produzenten? Die Liste dieser Fragen ließe sich endlos weiterführen. Stellt man sie den Befürwortern der Kulturflatrate, erntet man meist nur ein müdes Achelzucken. Bis sie beantwortet sind, bleibt die Kulturflatrate nur Floskel ohne Inhalt und kein nachhaltiges Konzept für eine zukunftsfähige Kultur- und Kreativwirtschaft.

Das ist korrekt. Neue Entwicklungen werfen neue Fragen auf, zu denen neue Lösungen gefunden werden müssen.

Fin
Ich möchte anmerken, dass ich die Variante Urheberrechtsabgabe favorisiere, wie sie auch von Robin Meyer-Lucht ausführlich angeführt wird. Auch, wenn diese eine “Notlösung” ist, wird sie der Realität mE gerechter als geltendes Recht und Kulturflatrate, die aber seitens der Musikindustrie an dieser Stelle nur unzureichend und plakativ kritisiert wird.

Eine differenziertere Betrachtung wäre sowohl möglich als auch von Nöten gewesen. Es gibt hinsichtlich der Verwertung von urheberrechtlich geschützten Materialien nicht nur die eine oder die andere Lösung. Die Musikindustrie tut sich keinen Gefallen, wenn sie alternative Modelle auf die Kulturflatrate reduziert. Schrumpfen wird sie so oder so, den Wandel nicht stoppen können.

guten morgen, berlin

Ein gemütlicher, gut frisierter Besucher der Premium

Die Designerstücke in den Läden rund um den Hackeschen Markt liegen noch hinter heruntergelassenen Rolläden. Zehn Uhr morgens in Berlin, am Bebelplatz und in Mitte. Die Berlinerin schlurft leicht zerzaust hinüber zum ersten Kaffee und verschafft ihrem schnaufenden Mops Bewegung. Anerkennende Pfiffe ernten die Damen am Morgen auch ohne Lidstrich. Im Zelt der Fashionweek am Bebelplatz sieht es anders aus. Die Schuhe, Haare und Lippen der meisten Gäste glänzen. Doch wer zur ersten Show perfekt gestylt erscheint, hat an diesem Tag keine wichtigeren Aufgaben, ist Model oder Spielerfrau. Der Nutzen eines makellosen Outfits im Publikum erschließt sich vorrangig den Trägern. Der Berliner mag es praktisch und eigen. Ob bedruckte Leggins, rote Lippen oder Leder – Trends überdauern mehrere Sommer und trippeln forsch über die Straßen, bevor der der Journalismus sie verkündet. Teurer Augenschmaus gehört auf den Catwalk. Berlin schätzt die Schönheit, und betrachtet sie kuschlig.

einen freiherrn im haupthaar


Selbst den Spiegel bewegte das geschmeidige Haupthaar des neuen Verteidigungsministers zu Guttenberg, eine Rückkehr des Glamours in die Politik auszurufen. Die Kanzlerin hingegen hatte es mit seidenem Abendkleid und tiefem Dekolleté Monate zuvor nur geschafft, ein bisschen Brust zur Opernnacht zu einem kleinen Politskandal werden zu lassen, in dem Kommentatoren und Medien ihr wenig modernes Bild einer Frau mit Macht und Verantwortung kundtun durften. Die Beurteilung der weiblichen Festgarderobe überlässt man aus diesem Grund wohl besser Männern mit Kunstverstand: Guido Westerwelle jubelte am Abend des Bundespresseballes Ausrufe der Begeisterung ins rbb-Mikrophon: Würde Frau Aigner in einem solchen Kleid ins Kabinett kommen, toll wäre das. In ihrem politischen Alltag ist für Frauen hingegen immer noch das Graue-Maus-Spiel im burschikosen Hosenanzug das Mittel der Wahl, möchte sie einen kompetenten Eindruck wahren.
Die Rückkehr des Glamours in das Regierungsviertel gründet sich folglich auf die designierten Herren, Pomade im Gepäck und treue Ehefrau im Knopfloch. Dass diese adelig steife Gelacktheit nicht selten mit Attraktivität gleichgesetzt wurde, zeugte von der Ödnis des Wahlkampfes und dem Ausmaß des Schönredens.

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung hat in seiner neuen Ausgabe den adretten Freiherr noch weiter geadelt. Karl-Theodor zu Guttenberg, Minister in einem Land, das derzeit nur wenige lebende Stilikonen aufweist, scheint modisch eine solche Bedeutung errungen zu haben, dass sein Look von Teenagern begehrt und imitiert wird. Belegt wird dieses Phänomen mit einer Fotostrecke von Münchner Jugendlichen, die ihren Kleiderschrank entlang des „Noblesse Chic“ bestückt haben. Doch der erste Topf Gel entsprang mit Gewissheit der Kosmetiktasche des Vaters, das erste Jackett wurde in beratender Einkaufsbegleitung der Mutter erworben, das Seidentuch zurechtgezupft bevor Guttenberg sich anschickte, neue modische Maßstäbe im Kabinett zu setzen. Es soll Mütter geben, die freuen sich über die Goth-Phase des Sprösslings und sehen die Schürfwunden der ersten Skate-Versuche als Vorbereitung auf den Ernst des Lebens. Wie trist wären ansonsten die Fotoalben, die man der fernen Verwandtschaft zeigt?
Auch Karl-Theodor wird denken: „Huch, so sahen wir doch damals schon aus“, das große SZ-Stil-Interview aber dennoch zusagen.

Doch wenn es nach Spuren der Politik in der Mode zu suchen gilt, will ich das in der nächsten Woche auf den Laufstegen der Fashionweek in Berlin gerne tun. Besonders freue ich mich auf das Streitgespräch zwischen Petra Pau und Sascha Lobo, die darüber debattieren werden, welche Markenbotschaft das freche rote Haar sendet, ob der Look am Ende eine Hommaga an Sebastian Krumbiegel, Sänger der Prinzen ist, und weshalb der Verteidungsminister das Trendsetting für sich entschied.